Auslaufmodell

Wenn es stimmt, was allgemeinhin über unsere Altvorderen als Jäger und Sammler verkündet wird, sollte man sinnvollerweise annehmen, daß deren Sinne sehr, sehr gut waren. Geschärfte Sinne, um im permanenten (Über)Lebenskampf bestehen zu können.
Später wurden Hilfsmittel ersonnen, um die Unzulänglichkeiten, mit denen die spezies Mensch geschaffen wurde, zu kompensieren, ja sogar ins Gigantische zu überkompensieren. Hebel, Rolle und Seilzug halfen, die schwächliche Kraft ins Titanische zu steigern. Wo der Schöpfer den Menschen – nach seinem, des Schöpfers, Bilde! – zum Wurm gemacht hat, der an der Erdoberfläche herumkriecht, wurden Flug- und Tieftauchgeräte erfunden…
Auch die Sinne bekamen Verstärkung. Wo auf die Sinneszellen oder die Reizverarbeitung nicht direkt eingewirkt werden kann (etwa so), braucht es Reizverstärkung (lauter: Hörgerät, Lautsprecher etc., größer: Lupe, Tele- oder Mikroskop etc.). Der Weichspüler fordert zugleich Tast- und Geruchssinn heraus. Auch der Geschmackssinn wird mit zusätzlichen Reizen aus Geschmacks­verstärkern überrollt.
Extreme Reize führen ganz nebenher dazu, daß die Reizschwelle steigt; man wird unempfindlicher gegen Reize. Zugleich baut der moderne Mensch seine Komfortzone immer weiter aus (sofern ihm ein einigermaßen behäbiges Lebensumfeld vergönnt ist). Der Mensch braucht das Abenteuer nicht mehr zu suchen, es kommt per Flimmer-Sandwich direkt in seine Komfortzone – als reizstarkes Abbild (Kino und TV in Surround-Ton), versteht sich. Es gibt keinen lebensnotwendigen Grund mehr, um sich subtile Gedanken über sich selbst oder die Welt da draußen zu machen. Es ist alles Wesentliche bereits gedacht. Verhaltens­richtlinien sind aufgelistet, Listen bei Verstößen gegen selbige aber auch. Diverse Kleinigkeiten mögen Anstoß erregen, aber das Große und Ganze steht monolithisch.

Verglichen mit unseren Altvorderen befinden wir uns viel, viel seltener in Situationen, in denen die Sinne lebensnotwendig wären. Der Mangel an Reizgelegenheit wird überkompensiert durch Reizverstärkung, wodurch die Empfindlichkeit zusätzlich geschwächt wird. Zugleich befinden wir uns aber auch kaum noch in Situationen, die intensives Denken lebensnotwendig erfordern würden, um dem Ich einen Platz im Hier zu geben.
Erscheint es nicht so, als hätte die Spezies Mensch ihren evolutionären Höhepunkt bereits erreicht und überschritten, als würde das Auto mit ausgekuppeltem Getriebe und dennoch mit Vollgas auf die Wüste zu rollen, deren Entstehen der mittlerweile wahrnehmungsschwach und denkfaul gewordene Mensch in uneinsichtiger Beschränktheit selbst entfesselt hat? Ein Auslaufmodell am Abgrund?

7 Kommentare zu „Auslaufmodell

        1. Da stimme ich zu, und zwar beiden Teilaussagen. Die Schwierigkeit sehe ich allerdings darin, daß das bestehende System außerordentlich stabil ist (= recht unempfindlich gegen Störungen). Spätestens jetzt kommt F. Engels ins Bild: das Umschlagen von Quantitäten in Qualitäten. Unter den gegenwärtigen Umständen (nicht die sekündlichen oder täglichen „Aufgeregtheiten” der Politik, sondern Ausprägungen in Zeitspannen mehrerer Dezennien) ist offenbar die Obrigkeit (sprich: das Kapital) mächtig genug, um gefährliche Fahrwasser wieder zu verlassen (auch wenn Spanten und Masten schon mächtig knirschen). Doch irgendwann entstehen neue Situationen (Ressourcenknappheit, Veränderung der habitablen Regionen durch Klimawandel, Veränderung des Machtgefüges durch Cyber-Attacken etc. pp), in denen die Selbstherrlichkeit der Obrigkeit existenziell begrenzt wird.
          Richtig, das Stichwort Hölle (die dann losbrechen wird) ist ja schon von Dir genannt worden…

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