Narrenhagen.002

Ja, so macht es Spaß. Gestern war ich zu einem Vorstel­lungs­gespräch. Nein, das war ja schon vorgestern – Kinder, wie die Zeit rennt. Heute nun rief mich jemand aus der Zeit­arbeits­firma an, die ich vor Wochen schon ange­winselt habe, meine Arbeits­kraft dem Arbeits­markt zuführen zu dürfen. Frau Recruiter¹ fragte nach meinem Eindruck vom Gesprächs­verlauf. Ich antwortete wahrheits­gemäß, daß ich die Atmosphäre insgesamt und im besonderen die gesprochenen wie die inter­pretier­baren Worte als angenehm empfand, zumal sie auf nonverbalen Kommuni­kations­wegen betont und nicht etwa ins Gegenteil verkehrt worden sind.
Daraufhin lächelte Frau Recruiter durchs Telephon und offen­barte mir den Wunsch ihres Klienten, auf Zeit­arbeits­basis mein Arbeit­geber sein zu wollen. Jetzt müsse ich nur noch das polizeiliche Führungs­zeugnis vorlegen, und schon könne der Zeit­arbeits­vertrag… Wenn’s weiter nichts ist, kann es sich ja nur noch – so dachte ich in naiv­ster Arg­losig­keit – um einen Klacks handeln. Doch nein, vor den Erfolg haben die Götter die Büro­kratie gesetzt. Die im Bürger­amt zuständige Abteilung arbeitet nur nach Termin. Und solche kann man – o Wunder! – sogar auf einer online-Plattform buchen. Den frühest­möglichen aber erst in 2 ½ Wochen. Zu diesem online gebuchten Termin wird durch das Amt gnädig Audienz gewährt, um ein Führungs­zeugnis zu beantragen, das im Normalfall dann noch einmal 2 Wochen später zugestellt wird. Das wäre dann in der heimeligen Zeit zwischen Weih­nachten und Sil­vester. Wenn nicht gerade in dieser Sekunde die Termin­bestätigung, die auf dem online-Portal angezeigt(!) wurde, durch eine Email widerrufen worden wäre. Also, neuer Buchungs­versuch, neuer Termin, und siehe da, noch ein verzögernder Tag mehr. Ja, das macht wirklich Spaß.
Und das Sahnehäubchen: Während des Vorstel­lungs­gespräches ließen die Gesprächs­partner mehrfach durch­blicken, daß es um die schnelle Besetzung der vakanten Stelle geht. Eine Stelle, die ohnehin für zunächst nur vier² Monate ausge­schrieben war. Und nun wird der Auftrag­geber an die Zeit­arbeits­firma geduldig einen Monat lang auf glühenden Kohlen sitzen, bis sein Bedarf an schleunigst benötigter Arbeits­kraft von dieser und – bitteschön! – keiner anderen, schnelleren Zeit­arbeits­firma gedeckt wird? Tja, wenn das alles nicht so traurig wär, müßte man jetzt auf dem Teppich rollen vor Lachen.

———————
¹) Das Wort Recruiterin gibt es (im Duden) nicht; es scheint nur zum Rottwelsch von Mutter­sprach­mördern zu gehören.
²) Bei Gelegenheit werde ich hier mal den Zusammen­hang von Zeit­arbeit und Sklaverei näher beleuchten.

23 Kommentare zu „Narrenhagen.002

    1. Das habe ich auch gefragt, weil dieser Gedanke irgendwie naheliegend war. Aber die Zeitarbeitsfirma scheint dermaßen von dubiosen Subjekten bedrängt zu sein, daß sie sich offenbar hartleibig zeigen muß. Das letzte Führungszeugnis (kein Jahr alt und vom jüngsten Zeitarbeits-Rendezvous stammend) gilt, mehr als drei Monate alt, ebenso wie ein Beleg der neuen Beantragung als erster Schritt, nämlich gar nichts…
      Ich sag’s mal vornehm: totaler Scheiß ist das alles. 😦

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  1. Oje, nervig. Könnte zu dem Thema auch einiges schreiben, habe vor Jahren aber gute Erfahrungen gemacht. Aber die damals gute Zeitarbeit, hat letztes Jahr einige Seltsamkeiten gezeigt. Benching und Ghosting sind anscheinend salonfähig geworden.
    Viel Glück!

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  2. Die Alternative: In der Sonne liegen

    … Millionen von Arbeitsstunden werden verschwendet – Millionen von Arbeitsstunden, die abgeleistet werden, ohne dass am Ende ein bleibendes Werk entsteht. Es macht keinen Unterschied, ob Sie für Blasen arbeiten oder in der Sonne liegen. Doch die falsche Geldpolitik sorgt dafür, dass Sie Überstunden machen, statt sich zu bräunen. …

    https://www.tichyseinblick.de/kolumnen/schaefflers-freisinn/die-alternative-in-der-sonne-liegen/

    Hartz 4 und der Tag gehört dir – der zweite Partyhit von Ingo ohne Flamingo

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    1. … die Verschwendung von ‘Millionen von Arbeitsstunden’ dürfte nicht das Problem sein. Daß ‘am Ende ein bleibendes Werk entsteht’ ist allemal die Königskür, die seltener als einmal in zig Millionen Fällen funktionieren dürfte. Von allen Weltwundern steht beispielsweise nur noch eines, und selbst die zugehörigen Vertreter sind mittlerweile recht ramponiert. 😐

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  3. „²) Bei Gelegenheit werde ich hier mal den Zusammen­hang von Zeit­arbeit und Sklaverei näher beleuchten.“

    Ja wie, gibt’s da ’nen Unterschied?

    Zeitarbeit? Ich könnte kotzen! Hab ’nen Kumpel, der jahrelang über ’ne Zeitarbeits-Firma inner Firma gearbeitet hat, bis er endlich – immerhin – übernommen wurde.
    Bin da erst letztens mit ’nem Fremden ins Gespräch gekommen, als in seinem Lebenslauf der Begriff „Zeitarbeit“ fiel. Hab vor Jahren mal gelesen, dass der Staat (in Form von Städten und Kommunen) der größte Einsteller von 1-Euro-Jobbern ist. Perfekt, oder? Braucht der Staat billige Arbeitskräfte, schafft er sie sich einfach selber!
    Für was gehen wir noch mal wählen? Welche Partei mit Aussicht auf Erfolg kann ich wählen, wenn ich das weghaben möchte?
    Mein Beileid allen, die per Zeitarbeit eingestellt sind!

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