es ist überall

Nach längerer Zeit habe ich mir mal wieder – Wieder­holung soll ja die Mutter des Lernens Vorur­teils sein – den Roman 1984 vor das „lesende Auge” gehalten. Ob ich diesen Exkurs wohl als eine Art Museums­besuch abbuchen sollte, da er immerhin schon im Jahr 1949 von G. Orwell geschrieben wurde? Oder doch eher als eine Besich­tigung in einem Zukunfts­labor, da er eine Zeit beschreibt, die erst 35 Jahre nach dem letzten Feder­strich am Roman im großen Welt­gefüge hätte möglich geworden sein können? Wie auch immer, der Roman spielt etwa in der Mitte von heute und dem Erschei­nungsjahr des Buches.
Orwell hat zwar mit seinem Roman einen Seiten­hieb wider totali­täre Regimes ausgeteilt, dennoch treffen einige Passagen – o Wunder – unser aktuelles Hier und Jetzt, also das demo­kratisch­ste Gebilde, als das wir uns die Bunte Republik gefälligst vorzu­stellen haben.

Aber es war auch klar, daß ein all­gemein wachsender Wohl­stand das Bestehen einer hierar­chisch geordneten Gesell­schaft bedrohte […]. Denn sobald alle gleicher­maßen Muße und Sicher­heit genossen, würde die große Masse der Menschen, die normaler­weise durch die Arbeit abgestumpft war, sich heran­bilden und selb­ständig denken lernen. Und war es erst einmal soweit, so würden sie früher oder später dahin­terkommen, daß die privi­legierte Minder­heit keine Funktion hatte, und würden sie beseitigen. (S. 174f, Ullstein, Buch-Nr. 3253)

Aber da in Wirklichkeit der Große Bruder nicht allmächtig und die Partei nicht unfehlbar ist, müssen die Tatsachen […] unermüdlich entsprechend zurecht­gebogen werden. (ebd. S. 195f)

Wenn die Gleichheit der Menschen für immer vermieden werden soll – wenn die Oberen […] dauernd ihren Platz behaupten sollen –, dann muß die vorherr­schende Geistes­verfassung staatlich beaufsich­tigter Irrsinn sein. (ebd. S. 200)

Was wissen wir von irgend etwas, außer durch unser eigenes Denken? Alle Geschehnisse spielen sich im Denken ab. Was immer sich im Denken aller abspielt, geschieht wirklich. (ebd. S. 255)

Freilich sollte man nicht versuchen, die alten Benenn­ungen aus dem Jahr 1949 beizu­behalten. So erschließt sich der zweite Text­aus­schnitt, wenn statt „der Große Bruder” beispiels­weise der Begriff „die Obrigkeits­kaste” und statt „die Partei” der Plural „alle Parteien” angewandt wird. Spätestens ab dem dritten Text­aus­schnitt, dem mit dem „staat­lich beauf­sichtig­tem Irrsinn” dürfte klar­werden, daß unsere Gegen­wart im orwell­schen Sinn dystopisch ist, die Zukunft sowieso (aber das dürfte eine ganz andere Geschichte werden – Fortsetzung folgt).

12 Kommentare zu „es ist überall

  1. Ein feines Schlaglicht …

    Ich streite und diskutiere mit einem netten Kollegen immer, ob wir mit diesem Roman eine Blaupause oder auch einen „Fahrplan“ sehen, welchen gewisse kleine Kreise ins Wirken bringen…

    Darüberhinaus, kann und darf ich mich glücklich schätzen,
    in den letzten rudimentären Zuckungen eines Bildungssystems groß geworden zu sein,
    welches noch belastbare Lehrpläne im Angebot hatte.
    Anders herum frage ich mich,
    was hätten Goethe, Humboldt, Krupp, Heysenberg, Tesla … etc. „anrichten“ können,
    wenn sie unsere technischen Möglichkeiten und Medien hätten.
    Leider hat da irgendwer die Bremse gezogen,
    was ja nicht nur an den Inhalten der diversen Massenmedien zu sehen ist – oder wo wir das „Talent“ , den „Superstar“ suchen …

    Der geplante Abgang des Wissens begann mit der 68er-Bewegung – Schöne neue Welt…
    Noch so ´ne Blaupause.

    Danke für deinen Beitrag und für die sorgsam herausgestellten Worte,
    Raffa.

    Gefällt 2 Personen

    1. Den ‘Fahrplan’ sehe ich weniger als die ‘Blaupause’. Da gibt es Indizien, die ich herausgelesen zu haben glaube (oder habe ich sie lediglich als Bestätigung einiger meiner privaten Kerngedanken interpretiert; und wenn ja, stammen diese wiederum aus Blaupause odr Fahrplan). Nein, ein starkes Indiz scheint mir folgendes zu sein: O’Brien braucht sieben Jahre, um Winston Smith zu einem „korrekt” denkendem, also orthodox zwiedenkenden Zombie zu machen. Dieser Aufwand, hochgerechnet auf 100 Mi0. Einwohner Ozeaniens, von denen praktisch alle(!) Gedankenverbrecher sind → irgendwie stimmt da was nicht. Und wozu die Zombisierung?! Winston ist nach seiner Rückkehr in die Gesellschaft (genauer. nach der Rückkehr seiner körperlichen Hülle) ohne Nutzen für die innere oder äußere Partei. Er wird weder als positives Beispiel (= seht unsere Macht) noch zur Abschreckung (= das passiert Häretikern) vorgeführt, sondern wartet lediglich auf seinen Genickschuß oder auch nicht…
      Ein anderes Indiz ist, daß Menschen – auch vollendete Zwiedenker – irren können. Damit ist zwangsläufig aber keine 100%-ige Totalität zu erreichen. Es gibt Lücken! Und wo es Lücken gibt, werden irgendwann irreversible Veränderungen – Murphy läßt grüßen, der mit den M. Laws – raumgreifen. Das ist keine Frage des ob, sondern des wann. Diese Gefahr dürfte extrem geringer werden, wenn nicht Menschen und/oder Menschengruppen die Algorithmen festlegen, sondern sich selbst variierende Logikmaschinen. Doch diese „Buslinie” war 1949 noch nicht gebaut – deshalb Blaupause, allerdings eine der phantasievoll ausgeschmückten Art. ^^

      Gefällt 1 Person

  2. Lametta muß immer dabei sein, weil wegen… als Indiz, welche Denkmuster präsent sind und auch wie der Proporz ist. (Checker und Nicht-Checker)

    Findet sich ja auch bei den Filmen „Matrix“ oder „Avatar“ – hier ist das Lametta irgendwelche wilden Kampfszenen und toll umgesetzten Effekte. Das andere ist dann etwas subtiler – hinterm Baum oder dem Löffel.

    Wie schrieb einst Kempowski in seinem Film „Tadelöser und Wolf?? –
    „kannste lesen?“ … „gjut, dann les´mir mal die Körner aus dem A….“ – Allerwertesten.

    Es bleibt immer irgendein versteckter oder verdeckter Freiraum für die Revoluzzer, Freidenker o.ä. – scheint irgendwie ein göttliches Gesetz zu sein. Der ist dann nicht so leicht zu entdecken oder zugänglich, nahezu unsichtbar für die große Masse.
    Findet sich ja auch in Zeitungen – Vorne die fetten Schlagzeilen und irgendwo zwischen Feuilleton und Sterbeanzeigen als maximal 6-Zeiler steht etwas mit Essenz, was relativ nah am real Existierenden ist, man muß ja nicht immer die Wahrheit mißbrauchen (;-)

    Gefällt 1 Person

    1. Da bringst Du mich auf eine Idee: Was wäre, wenn die Struktur von Zeitungen und Kinofilmen ein recht getreues Abbild der Häufigkeitsverteilung einzelner Denkmuster in der Bevölkerung (und gar nicht so sehr in irgendwelchen Zielgruppen) wäre? Die überwältigende Mehrheit braucht kaum mehr als mit handgroßen Lettern „gebrüllte” Sätze aus höchstens 5 Wörtern oder reißerische Bilder, um sich über komplexeste Themen umfassend informiert zu fühlen. Hingegen macht der substanzhaltige Fünfzeiler nur einen verschwindenden Bruchteil der Zeitungsfläche aus, wie eben auch die davon angesprochene Teilmenge der Bevölkerung. Analog bei Kinofilmen: auf zig-Tausende Filmkilometer mit brachialer Vergewaltigung von Seh- und Hörnerv und abgrundtiefster Beleidigung des Verstandes kommt ein Dutzend seelenvoller Wörter…

      Gefällt 1 Person

      1. Gut, bleiben wir bei dem wirtschaftlichen Terminus „Angebot und Nachfrage“ – wo zu Beginn der Menschheit die Nachfrage überwogen hat – huch, ich bin schon jetzt tendenziös, pfui!!
        Heutzutage gibt es offizielle (pfui), nein offentsichtliche Wirtschaftszweige im Bereich Marketing mit der Aufgabe, ääähhh sorry, für ein weiteres „Wachstum“ Absatzmärkte zu kreieren.
        Transferleistung meinerseits und mitunter etwas „schwarzmalerisch“ geht das auch auf geistiger Ebene und wenn ja, warum gibt es jetzt 57 Frauenzeitschriften über den Pups eines blaublütigen Thronnachfolgers oder warum jetzt Kübelböck „one with the Ocean“ ist — oder um den Jungs noch ihr Fett zu gönnen: Warum gibt es 37 1/2 Zeitungen und Magazine rund um den Keilriemen und das beste Motorenöl…

        Gib mir Worte, frank und frei, auch nach dem Motto; Wer war zuerst, henne oder Ei?

        In permanter Vorfreude deiner gern genommenen Worte,
        Raffa.

        Gefällt 1 Person

        1. Wenn’s nur ‘Angebot und Nachfrage’ wären, dürfte es ja noch halbswegs verständlich zugehen. Aber geht es in Wirklichkeit nicht um Angebot und unterstellte Nachfrage, also um das Materialisieren der Projektion der eigenen(!) Gedankenverknotungen der Marketing-Fachkräfte? *grübel*

          Gefällt 1 Person

        2. Ja, der Marketing-Spezies im Auftrag von …?
          und frei nach der kolpertierten wie wohl falsch zitierten franz. Königin: Wenns kein Brot haben, können sie ja Kuchen essen!“ Die Frage nach dem jeweiligen Gehalt überlasse ich dem geneigten Leser…

          Gefällt mir

        3. Gute Einstellung. Die Marketing-Geschäftsidee ist schlichtweg genial: Selbstvermarktung! Es gibt kein Mittel, die Wirksamkeit des Marketings an sich (nicht für ein einzelnes Produkt, sondern wirklich für sich selbst) zu überprüfen, der der sogenannte „alternative Pfad” fehlt (= welche Werte wären ohne Marketing ermittelbar). Und dieses werbungs- bzw. verkaufsstrategische Schamanentum läßt man sich dann noch fürstlich honorieren…

          Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..