Rückschritt

Daß ich notorischer Skep­tiker bin, wenn es um die moralisch-ethische Entwick­lung des Menschen an sich geht, dürfte den Lesern der hier versam­melten und publi­zierten Text­schnipsel nicht neu sein. Neu dürfte hingegen die Arbeits­hypothese sein, daß wir aktuell wieder auf das Niveau des finster­sten Mittel­alters zurück­gefallen sind.
Ja, es geht um den Mord in Hanau. Ja, mein Entsetzen ist unbe­schreib­lich, daß das krude Welt­bild einzelner Menschen anderen Menschen Leben und Gesund­heit kostet. Aber nein, die Welt zu redu­zieren auf einen Sünden­bock ist genauso entsetzlich!
Und wieso jetzt Mittel­alter?! Nun, im Jahre 1486 wurde in Speyer der Malleus male­ficarum publi­ziert, in welchem die beste­henden Vorur­teile zu Hexen und Hexerei über­sicht­lich präsen­tiert und mit schola­stischer Argumen­tation „begründet” sind. Durch klare Regeln wird eine syste­matische Verfol­gung und Vernich­tung der vermeint­lichen Hexen gefordert. Egal, was es ist, die Hexen sind schuld. Es regnet zu wenig, die Hexen sind schuld. Es regnet zu viel, die Hexen sind schuld. Es gibt „wissen­schaft­liche” Verfahren, um Hexen zu identi­fizieren. Als solche identi­fiziert, sind sie zu vernichten (gnädi­gerweise – das hat dann was mit dem „wissen­schaft­lichen” Nachweis der Hölle zu tun – durch Verbrennen auf dem Scheiter­haufen).
Heute heißt es nicht mehr Hexerei, sondern (kurz gern auch mal AfD genannt) Welt­anschauung jenseits der wie auch immer dekla­rierten poli­tischen Mitte. Egal, was es ist, der Sünden­bock ist per defini­tionem bereits identi­fiziert…

Und – schlimm genug, daß man sich für eine Meinungs­äußerung heut­zutage recht­fertigen muß – ich sympathi­siere nicht mit der AfD. Auch nicht mit denen, die leicht­fertig das Stigma des notorisch Bösen ans rechte Revers geheftet bekommen. Ich sympathi­siere mit der Vernunft, mit dem Zurück­drängen des Vorurteils, mit dem Streben nach Verständnis.

27 Kommentare zu „Rückschritt

    1. Kommen wir denn noch, nach all der Einschläferung und Verblödung, irgendwie auf den Trichter, wer denn dieses „Mittelalter“ wieder zurück haben mag?

      Danke werter Hypermental für genau diesen Aspekt und verzeih meiner „fortführende Frage und das mögliche Postulat“, wenn man sich so notorisch da hinein „gebisse“ hat …

      Alles Liebe,
      Raffa.

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        1. Nun, es hilft doch außerordentlich,
          zu wissen, wo der „Feind“ steht und was eben dieser im Schilde führt!,
          sonst „ernten“ wir nur Überrachungseier… o.ä.

          Und wer weiß, ob es nicht besser ausgehen mag, wenn man das Elend abwenden könnte,
          anstatt eben nur von dem „Schweinkram“ überrascht zu werden.

          Tja, und wenn man dann noch die Intention kennt,
          ist es vielleicht wie bei einem Schachspiel, wo man ja „munkelt“,
          das es mitunter von Vorteil ist, die Züge des Gegenspielers …

          Nun, oder man hat so eine geniale Veranlagung eines Masochisten,
          dann kann man es gar nicht erwarten, daß man …

          So ist, nicht nur heute, einjeder anders „jeck“ …

          Alles Liebe,
          Raffa.

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        2. … ich schätze, ich muß mal ein bißchen den Häretiker geben: Wissen wir denn – wenn wir es wüßten – ‘wo der Feind steht’, oder glauben wir nur an unser Vorurteil, und das dann auch noch bedingungslos?

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        3. Natürlich kannst du als Häretiker daher kommen oder als der schon erwähnte „Dauer-Skeptiker“.

          Doch in wie weit bleibt ein Vorurteil ein Vorurteil, wenn man selbst auf der Seite der ausgemachten Feinde (und in ihren offiziellen Veröffentlichungen) die Widerlegung des Vorurteils vorfindet und man dann keineswegs mehr des „nur“-Glaubens bedarf?

          Schaut man mal auf die andere Seite dieses „angerissenen“ menschlichen Verhaltensmusters, sozusagen „on the Opposit“ dann landet man, etwas häretisch formuliert bei dem Bild der kleinen Kinder, welche meinen „Verstecken-spielen“ zu können, nur weil sie sich die Augen zu halten und dann auch nicht sehen, was der „Häscher“ so vor hat … oder alsbald hinter ihnen stehen wird.
          Darf Skepsis nicht in alle Richtungen gehen?,
          und wenn sie sich aktiv etwas schlauer gemacht hat, kommt doch so etwas wie Erkenntnis …, denn sonst war die ganze Liebesmüh´ der Skepsis nur für die Katz oder bleibt so etwas wie ein „sophistischer“ Status Quo.

          Na, und so ein paar Entwicklungen sind dann auch nur „bedingungslos“ Schei… und das Dauer-Hinterfragen macht sie dann auch nicht mehr schöner, angenehmer, etc.

          Tja, und so stehen wir dann dann, mit der Frage, ob wir den Elfenbeinturm oder ist es schon die „Höhle des Platon“ verlassen mögen. Das geht nicht ganz ohne Verluste und meine „Macken und Wunden“ habe ich mir schon abgeholt, obwohl ich nicht gefeit sein werde vor weiteren …

          Alles Liebe,
          Raffa.

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        4. Hui, starker Tobak für so frühe Abendstunden. 🙂
          Und dabei ist das Stichwort „Platons Höhle” schon genannt… Der Clou ist doch, daß der (♀♂), der außerhalb der Höhle die Wahrheit geschaut, erfahren und (möglicherweise) verstanden hat, diese seinen Höhlengenossen nicht vermitteln kann. Nicht aus Dummheit (im Sinne von geistig arm) bei den Höhlengenossen, sondern weil es an der Empirie zum Verstehen und – essenziell wichtig – zum Begreifen (die Haptik ist wesentlich!) fehlt. Lassen wir das mal kurz sacken und wenden uns noch einmal kurz dem begnadeten Menschen zu, der die Höhle verlassen konnte, um die Ursache der wabernden Schatten, also die Wahrheit zu schauen. Auf welche Empirie treffen die neuen (die außerhöhlischen) Eindrücke? Und sind sie autodidakt errungen oder durch Lehrer vermittelt? Ist denn der Wahrheitssucher außerhalb seiner Höhle nicht noch immer ein Höhlengenosse, einer nun etwas größeren Höhle, dem es prinzipiell am empirischen Umfeld fehlt, die ihm vorgestellte Wahrheit überhaupt zu verstehen?
          Und, daraus sich ergebend, die Frage: Gibt es einen Elfenbeinturm oder handelt es sich um eine demagogische Waffe, um den/die Besitzer anderer(!) Wahrheiten zu diffamieren?

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        5. Ist der „Elfenbeinturm“ doch nur die VIP-Lounge der „Höhle“, aus der blöderweise auch noch anderes Gewaber kommt, mit Unterstützung oder Anweisung der Gesellen, welche da an dem „Höhlen-Modell“ festhalten, um …

          Mein bester und genialster „Prof“ war der, welcher „Haptik“ und Theorie unter einen Hut bringen konnte, weil er seine „akademische“ Karriere permanent über den „zweiten Bildungsweg“ und „nebenher“ aufbauen durfte.
          So war er auch nicht angewiesen, im Schweinsgalopp alles dargereichte (aus existierenden Elfenbeintürmen) auswendig zu lernen, um dann zielorientiert zu erbrechen … – doch das nur am Rande — und ja, wir werden immer dazu lernen dürfen – so wir denn wollen.

          Alles Liebe und besten Dank für´s Echo,
          Raffa.

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        6. Haptik & Theorie, fehlt nur noch das Begreifen. Wenn ich so höre, welchen Eindruck Dein Prof bei dir hinterlassen hat, wünschte ich mir, es hätte Gelegenheit gegeben, ihn mal persönlich zu erleben. Aber man kann ja nicht alles haben… 😉

          Im übrigen sind mir Menschen höchst suspekt, die sich im vollumfänglichen Besitz der Wahrheit wähnen, ohne jeden Zweifel, ohne jeden Anreiz zum Wachsen. 🤨

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        7. …, ja, das ist irritierend, daß Menschen, welche eigentlich „vollumfänglich …, und doch nicht …
          Ist es die fehlende Begeisterung, so in und auf diversen Ebenen, wo dann diese Limitierung erklärbar wird???

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        8. Ist es nicht vielleicht so, daß Koryphäen, die sich im vollumfänglichen Besitz der Wahrheit wähnen, durchaus recht haben können? Sie mögen ja die ganze Wahrheit wissen, nur bezieht sich diese „Tugend”, freilich ohne es zu erwähnen, auf ihre kleine Welt, deren Tellerrand recht eng umzirkelt ist, wie man es halt von Puppenstubentässchen kennt… 😁

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        9. Nun,
          wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, so jenseits der Selbstsucht – können wir uns attestieren, daß wir in diesem Besitz nie sein werden — was jedoch nicht heißen muß,
          daß wir nicht weiter wißbegierig und lernwillig sein dürfen. Sonst rennt man ja nur mit ´nem alten Polaroid herum, welches zu allem Überfluß auch noch immer blasser wird …
          Und die Sache mit dem Tellerrand und den Stop-Schildern darauf ist ja dann auch nur eine Einstellungssache und bei so vielen ein Vorgriff oder eine Vermeidungsstrategie, um nicht in diese „Zwickmühle mit der kognitiven Dissonanz“ zu geraten.

          Gegen die „kleine Welt“ hilft eben nur das Bestreben, den Horizont, den eigenen, weiter öffnen zu wollen …

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        10. Ganz zweifelsohne hilft „gegen die ‘kleine Welt’ […] nur das Bestreben, den Horizont, den eigenen, weiter öffnen zu wollen”. Doch wozu soll das nütze sein? Du selbst schreibst ja auch vom Wollen, nicht etwa vom Fakt der Horizonterweiterung. Ist denn, im übrigen, der Horizont nicht die imaginäre Linie da draußen, weit weg, nicht erreichbar und halt nur gedacht (also imaginär)? Ist denn die Erweiterung dieser imaginären Linie, Horizont genannt, nicht nur eine weitere Imagination?
          Wenn die Realität aber nur noch imaginär ist, sollte man auf ein anderes Frühstück umsatteln oder den Psychiater wechseln oder hoffen, daß die Admins der Matrix-Software den lästigen Bug endlich fixen…

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        11. Na klar,
          gibt es immer einen Himmel über dem Himmel … und?
          Mit dieser Einstellung des permanenten Skeptikers bringt man sich selbst und wenn man kommunikativ auch andere in Richtung Standstreifen.
          Hmm, und selbst dort oder gerade dort kriegt man dann noch ätzenderweise weniger mit und sieht die nackte Autofahrerin nur an sich vorbeisausen…

          Na klar, kann die auch schon wieder imaginär sein – doch was bringt es, wenn alles imaginär ist oder relativ oder zufällig.
          Bringt dann diese Angehens- und Betrachtungsweise nur noch Bedeutungslosigkeit mit sich oder folgend dann auch Wertlosigkeit, wenn man eben die Werte auch noch relativiert und über Bord wirft.
          Bleibt jetzt die Frage nach dem Sinn der Standhaftigkeit oder der Permanenz … hmm!?!?!?

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        12. Mögliche Gründe – ein paar superspontan assoziierte Erwägungen: Echokammern (Synchronisierungsmöglichkeit der Irren), Individualisierung vs. Globalisierung, Smartphoneverblödung, Populismen links/rechts/Mitte, German Angst (Abstiegs-, Veränderungs-, Job-, Bindungs-, vor Verantwortung), Einzug von Ideologien in die schulische Pädagogik und Didaktik, Überbehütung, Social Media-Narzissmus, „Riss durch die Gesellschaft“, fehlender Bürgers- und Gemeinschaftssinn, Netflix-Berieslung (passive statt aktive Unterhaltung), Influencer, Narrative und Framing, Thinktanks, Wirtschafslobbyismus, Ersatzreligionen (oftmals esoterisch), Pseudowissenschaften (Gender, usw.) die zur Naturwissenschaftsfeindlichkeit führen, Infantilisierte Gesellschaft (Superhelden-Kino, Lego und Kindermode für Erwachsene), zu langes Ausbleiben von Kriegen und echten Katastrophen, Abstumpfung und Überforderung, zu viel Zucker im Fertigfraß… 😉

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  1. Chapeau!
    Der Kommentar „Rückschritt“ trifft den Nagel auf den Kopf.

    Die überzogene und nur zum eigenen Wohl bedachte „VERORDNETE“ Stigmatisierung, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln, ist die Widerwärtigkeit der Gegenwart.

    Welcher politische Strohhalm als Gegengewicht „SINN“ macht ist die große Frage,…… wären da nicht noch gewichtige und bewusst platzierte „Großbaustellen“.

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    1. Ja, die Kurzdarstellung scheint die gegenwärtige politsche Lage ganz gut zu beschreiben: Da wahrhaft (wie immer dieses definiert werden kann) strategische Ziele fehlen, ist es ein Gebot, regelmäßig politische Nebelbomben und derer nicht wenige zu zünden und die wabernden Nebel nach Herzenslust zu interpretieren und (vor allem) zu instrumentalisieren…

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