Qualitätssprung

So um das Jahr 1930 herum schrieb Robert Musil in seinem Roman Der Mann ohne Eigen­schaften folgende Sätze: »Unge­mein viele Menschen fühlen sich heute in bedau­erlichem Gegensatz stehen zu ungemein viel anderen Menschen. Es ist ein Grundzug der Kultur, daß der Mensch dem außer­halb seines eigenen Kreises lebenden Menschen aufs tiefste mißtraut, also daß nicht nur ein Germane einen Juden, sondern auch ein Fuß­ball­spieler einen Klavier­spieler für ein unbe­greif­liches und minder­wertiges Wesen hält« (Quelle: Der Mann ohne Eigen­schaften, Band I, Lizenz­ausgabe des Verlages Volk und Welt, Berlin 1980).
Rund neunzig Jahre später ist das alles freilich ganz anders, wie es allein schon ein kurzer Blick in die Medien hin­läng­lich illu­striert. Da frage ich mich aller­dings, wer wann welchen Schalter umgelegt hat, um die anthro­polo­gisch neue Menschen­güte einzu­schalten.

14 Kommentare zu „Qualitätssprung

    1. Da mag ich nicht zustimmen. Die Realität – nicht umsonst bemühte ich im Ausgangsartikel aktuelle Medienberichte – scheint mir längst nicht so rosig zu sein. Genau aus diesem Grund habe ich das Zynismus-Etikett an meinem Textschnipsel angepappt.

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      1. In „meiner Ecke“ sehe ich sehr wohl konkrete Fortschritte im Laufe der rund sechs Jahrzehnte, die sich optimistisch anfühlen und den Begriff „Qualitätssprung“ teilweise angemessen erscheinen lassen. Die Entwicklung der derzeitigen Berichterstattung ist ein eher trauriges Thema …

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        1. … ein heikles Thema. Unbestritten gibt es (auch) aktuell altruistische Menschen mit Herzensbildung. Aber gab es die nicht schon immer? Sind es heutzutage mehr geworden? Oder zeigen sie bei gleicher Anzahl mehr Herzensgüte? Und wie steht’s auf der „Gegenseite”. Sind die Randalierer, die Egoisten, die sich über die Gesellschaft beliebig radikal Erhebenden mehr geworden oder aggressiver? … Viele Unbekannte, wenig solides Datenmaterial. In solchem Kontext halte ich folgende Arbeitshypothese für angemessen: Das Menschsein, das immer auch das sozial sein einschließt, steht seit längeren Zeiträumen (= deutlich mehr als die oben erwähnten 90 Jahre) im Mittel praktisch auf dem gleichen Niveau…

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        2. Wow, diese Herangehensweise ist es, die mich zu/auf Deinem(n) Blog ( Blogs sind in meinem Universum männlich!) drängt, die mich zum Nachdenken zwingt! Cooler Blog für einen Schnipseljäger … 🙂
          PS: Das dauert bis ich diesen Kommentar aufgearbeitet habe – sorry! 😉

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        3. … scheint da der „erfolgheischende Egozentrismus“ irgendwie durch … ? Egal, ist mir grad so eingefallen, habe ich beim Blogsurfen aufgeschnappt und das letzte Wort sei Dir von Herzem vergönnt, das letzte Glas erscheint mir meist wichtiger, alles schmeckt dann einfach göttlich, habe ich vermutlich noch nicht erwähnt … 😉

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        4. Gut gefragt, das mit dem „erfolgheischende Egozentrismus“. Aber ich vermute, vielmehr als „biologisch-vegetativen” Egozentrismus bringe ich hier nicht zusammen. 😉

          Aber der Tip mit dem letzten Glas zur Krönung des Abschlusses zeugt von tiefer Weisheit, die Genuß und Wertschätzung auf mehreren Ebenen sublimiert.🍷 😊

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  1. Schon bei den alten Griechen schimpften die Alten über die verblödete und missratene Jugend, die alten Römer beklagten den Verfall der Sitten und auch im Mittelalter blickten die Belesenen aufs gemeine (ja wirklich gemein ist es!) Volk herab… 😉 Es war also nie besser und wird auch nie besser… Zumal die Menschheit stark am letzten Ast sägt, auf dem sie noch mit einer halben Arschbacke sitzt…
    Geht also nur noch gut, wenn a) Aliens von außen eingreifen würden, oder b) KI von innen. Künstliche Intelligenz gegen natürliche Dummheit. Regiert von Algorithmen – angesichts der Menschheit (bzw. deren hauptsächlichen Vertretern) vielleicht nicht die schlechteste Lösung!

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    1. Hui, ein Zungenschlag, der mir sehr gefällt: »Es […] wird auch nie besser«. Und nicht nur ein solcher klarsichtiger Zungenschlag, sondern derer gleich mehrere. Doch, wenn’s nicht besser wird, wird es das auch nicht durch KI. Wobei KI nach meinem Dafürhalten eh zu kurz gesprungen wäre. KI, so wie sie im Augenblick allgemein gedacht ist, ist nur ein schmalbrüstiger Vorbote einer – hm, wie soll man das Kind benennen? – einer anorganischen Intelligenz. Solange sie KI oder meinethalten AI ist, trägt sie humanoiden Stallgeruch (siehe Asimov mit seinen Roboterregeln, die letztlich nur eine Rückversicherungsklausel für die Spezies Mensch sind). Solange sie diesen nicht überwinden, wird’s aus anthropologischer Sicht, wie eingangs gesagt, nicht besser (wahrscheinlich schlechteroder bestenfalls nur anders). Hat sich aber die KI vom Menschen emanzipiert, kann dieser für sich von der KI nichts mehr erwarten – fremdes, fremdartiges Denken, wie bei anderen Aliens eben auch. Spätestens dann hilft sowieso kein „grenzenlos-gleich”-Dogma mehr…

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