Ignoranz

Es gibt Texte oder sogar Schrift­stücke, die Menschen mani­pu­lieren sollen. Ups, schon falsch! Der Anfangssatz sollte besser anders formuliert sein: Jeder Text bzw. jedes Schrift­stück soll Menschen mani­pu­lieren. Aus­nahms­los! Wobei das Verb mani­pu­lieren keines­wegs auf die negative Konno­tation beschränkt ist. Alle Texte und Schrift­stücke sind Auffor­derungen, etwas zu tun oder zu lassen, oder sie versprechen, daß etwas getan oder gelassen werde.
Neben dieser offen­sicht­lichen „Fracht” tragen manche Texte zudem noch eine weitere, versteckt liegende Botschaft. Diese wird – o Wunder! – gern übersehen, kann aber durchaus der wichtigere, wert­vollere Teil der Text­nach­richt sein. Beispiel (Zitat aus der Luther-Bibel, 1545, 1. Mose1 Kap. 1):

»26 VND Gott sprach / Lasst vns Menschen machen / ein Bild / das vns gleich sey […] 27 VND Gott schuff den Menschen jm zum Bilde / zum Bilde Gottes schuff er jn / Vnd schuff sie ein Menlin vnd Frewlin. 28 Vnd Gott segnet sie / vnd sprach zu jnen / Seid fruchtbar vnd mehret euch vnd füllet die Erden / vnd macht sie euch vnterthan«

Den offen­sicht­lichen Teil dieses Textes (oder auch moderni­sierter Fassungen) wird jeder (Gläubige oder Un­gläubige) herbeten können: Macht euch die Erde untertan. Aber warum? Ist es denn nicht so, daß dem Menschen gegeben wird, wohin auch immer es ihn verschlägt? Fliegt denn nicht die Nahrung wie im Schla­raffen­land einfach so durch die Luft, daß man sich um deren Her­stel­lung und Zube­reitung nicht zu kümmern braucht? Sind es die Domi­nanten und Herrsch­süch­tigen, denen man extra ans Herz legen muß, sich andere und anderes untertan zu machen?
Seit Tausenden von Jahren sammeln die Menschen Erfah­rungen über sich als Spezies wie auch als Indi­viduum. Unzählige Text sind darüber verfaßt worden. Doch wieviele Bot­schaf­ten sind über­sehen oder nicht verstanden oder schlicht­weg igno­riert worden? Gibt es durch das Bewahren von empi­ri­schen Deutungen, das Analy­sieren und Aufbe­reiten daraus gewonnener Erkennt­nisse und das Verstehen des Wesent­lichen einen evolu­tionären Vorteil der Spezies Mensch? Viel­leicht bedurfte es dieses Vorteils bislang nur noch nicht? Viel­leicht bräuchte aber diese Spezies diese Fertig­keiten gerade jetzt, so kurz vor dem Abgrund und voll­kommen ahnungs­los über sinn­träch­tige Alter­nativen, mehr denn je? Tja, es reicht wohl nicht, Unter­tanen zu haben, wenn man ein unfähiger Herrscher ist…

14 Kommentare zu „Ignoranz

  1. ich ertappe mich dabei, wie ich mehr & mehr Fan deiner exklusiv-luxuriösen Überlegungen werde. Das Evolutionsmodell, jaja. Ein faszinierendes Narrativ, genau wie Bibel. Ich steige bei beiden Konstruktivismen regelmäßig ein & aus, als ob es eine Straßenbahn wäre. Eine meiner Lebensaufgaben sehe ich in der Erforschung dessen, wie eine Spezies den perfekten Niedergang inszeniert.

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      1. *…ersten Satz… durch… ersten Absatz …ersetzen* Klar, die Lichtung kann ich jetzt gut erkennen, aber bleibt es auch „licht“, wenn die Sonne untergeht?
        J e d e r T e x t m a n i p u l i e r t … bevor wir die Manipulation nicht auf min. ein Tausendstel eingegrenzt haben, bin ich da nicht dabei! Es wird spannend …

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        1. Echt putzig, so ein winzig kleines „ab” mit solch gewaltiger Hebelwirkung: Satz – Absatz, Gabe – Abgabe, er – aber… 😁

          Doch was das Ungemach angeht, das meine kategorische Aussage heraufbeschwört, hier ein Vorschlag zur Güte: Die Anzahl nichtmanipulativer Texte ist im Vergleich zur Gesamtheit aller Texte so gering, daß ein aufmerksamer Beobachter wohl nur alle tausend Jahre auf solch eine rühmliche Ausnahme treffen dürfte. 🤭

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  2. Abgrund. Abgrund?! Ach, erst kurz vor dem Abgrund, dann ist ja alles easy, da kommt doch irgendwann Superman und rettet die Welt – so einfach ist das! Das ist doch gängiger Grundschulstoff, das weiß jeder … ( habe ich gerade ungewollt die vielgelobte Schwarmintelligenz angesprochen?)

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  3. Warum diese Ablehnung? Wenn so ein Haufen von Erdlingen zusammen kommt, dann finden die immer alternative Lösung, um diverse Geschäftslokale ungeschoren zu leeren, Autos in Feuerwerk zu verwandeln, die holde Weiblichkeit im Schwarum zu beglücken usw. – die sind im Schwarm also richtig kreativ, da musst du mir wohl oder übel bepflichten! So ein klitzekleiner Abgrund kann da wirklich kein Problem sein – gib es zu! Sei ehrlich, such keine gefinkelten Winkelzüge, um der Wahrheit zu entfleuchen … 😉

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    1. … da muß ich erst mal ausschwärmen, um einen Schwarm zu finden und dann zu konsultieren, ehe ich mich so kardinal festlege! Wenn die Rübe erst mal ab ist, fällt das Widerrufen der nicht schwarmtauglichen Einzelmeinung vielleicht doch ein wenig schwer. 😏

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