Geist

So um das Jahr 1930 herum schrieb Robert Musil in seinem Roman Der Mann ohne Eigen­schaften folgende Sätze: »Es ist so natürlich, daß der Geist als das Höchste und über allem Herr­schende gilt. […] Was kann, schmückt sich mit Geist, verbrämt sich. Geist ist, in Verbin­dung mit irgend­etwas, das Verbrei­tetste, das es gibt. Der Geist der Treue, der Geist der Liebe, ein männ­licher Geist, ein gebil­deter Geist, der größte Geist der Gegen­wart, wir wollen den Geist dieser und jener Sache hoch­halten, und wir wollen im Geiste unserer Bewe­gung handeln […].
Aber wenn Geist allein dasteht, als nacktes Haupt­wort, kahl wie ein Gespenst, dem man ein Lein­tuch borgen möchte, – wie ist es dann? Man kann die Dichter lesen, die Philo­sophen studieren, Bilder kaufen und nächte­weise Gespräche führen: aber ist es Geist, was man dabei gewinnt? Ange­nommen, man gewönne ihn: aber besitzt man ihn dann? Dieser Geist ist so fest verbunden mit der zufälligen Gestalt seines Auftretens! Er geht durch den Menschen, der ihn aufneh­men möchte, hindurch und läßt nur ein wenig Erschüt­terung zurück. Was fangen wir mit all dem Geist an? Er wird auf Massen von Papier, Stein, Lein­wand in geradezu astro­nomischen Ausmaßen immer von neuem erzeugt, wird ebenso unab­lässig unter riesen­haftem Verbrauch von nervöser Energie aufge­nommen und genossen: Aber was geschieht dann mit ihm? Ver­schwin­det er wie ein Trugbild? Löst er sich in Partikel auf? Entzieht er sich dem irdischen Gesetz der Erhaltung? Die Staub­teilchen, die in uns hinab­sinken und langsam zur Ruhe kommen, stehen in keinem Verhältnis zum Aufwand.
« (Quelle: Der Mann ohne Eigen­schaften, Band I, Lizenz­ausgabe des Verlages Volk und Welt, Berlin 1980).
Beim Lesen dieser Passage wabert, auch wenn ich mich mit Titanen­kraft dagegen wehre, eine bunt schil­lernde Seifen­blase vor meinem geistigen (sic!) Auge durch das Asso­ziations­zentrum, auf der die Frage lesbar ist: Und wie ist das mit Blog-Portalen?

7 Kommentare zu „Geist

  1. Das möchte ich so nicht unkommentiert lassen. Ich versuche es mal aus einer anderen Perspektive. Adorno, u. a. „Bewusstseinsindustrie“. Ich habe das Thema auch die vergangenen Tage gewälzt. Was bringt das ganze Bloggen, kommentieren, schreiben, publizieren, auskotzen. Letztendlich ist es ein Geschäft. Vor allem für die Betreiber der Plattformen. Und der große Vorteil: das Gehirn ist eine Andockstelle für Kultur, Unterhaltung, „Geist“ – die praktisch niemals voll werden kann. Ein unendlicher Konsumplatz. Dazu kommt, dass man verlernt haben kann, sich auf das Leben und die eigenen Erfahrungen zu beschränken. Zeitweilig meine ich klüger zu werden, wenn ich viel lese. Mir hat in so einer Sinnkrise Robert Walser mal sehr geholfen. Er meinte in einem Essay, er hätte einfach zuviel gelesen. Ich weiß nicht mehr in welchem Buch das vorkommt, eher in einem späteren.

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    1. Leider sehe ich nicht so recht, wohin Dein Kommentar zielt. 🤔 Gut, Musil hat freilich nicht die gleichen Wörter verwendet, aber auch er erwähnt doch, daß der Geist nicht akkumuliert, sondern durch den Menschen hindurch geht (als Metapher wäre das Neutrino [oder wie wär’s mit dem tauonischen Antineutrino?] recht angemessen)…

      Was das Kommerzielle an Blog-Portalen angeht, kann ich nur zustimmen. Allerdings hätte ich kaum vermutet, daß diese im Nischenthema „Geist” tatsächlich erwartet würden.🤭 Was allerdings den Walser angeht, werd ich mich aus Ermangelung von Kenntnissen zu dem Dich betreffenden Kontext dezent zurückhalten, gebe aber zu bedenken, daß in Deinem Kommentar eine 180° Änderung der Blickrichtung stattfindet. Mir ging es um Eigenschaften von Blogs oder Blogportalen, die eine verblüffende Parallelität zu Beobachtungen haben, die Musil vor knapp 100 Jahren analysierte. Mir ging es nicht darum, daß sich eine sinnliche, mentale, erkenntnistheoretische Übersättigung als schädlich erweisen kann (aber ich nehm’s mal als Anregung, denn noch ist nicht aller Blog-Tage Abend 😉).

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  2. Der 180° Blickwinkel-Schwenk erschien mir als adäquates Mittel dich aus deinem Musil-induzierten Geist-Zement rauszuprovozieren. Bei nochmaligen Lesen meines Kommentars jetzt sehe ich schon die Gedankensprünge meinerseits. Ich habe da zuviele Auslassungen gemacht, und den argumentatorischen Bogen nicht hingekriegt. Ich sollte wohl besser shoppen gehen. 😅

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