Neutral?

Als ich noch silber­basiert photo­graphierte, war ich meistens recht glück­lich, wenn sich rot­far­bene Details einfangen ließen, denn gerade diese Farbe brachte gewisser­maßen Leben in die Abzüge. Selt­samer­weise trage ich diesen „Farb­fehler” auch nach jahre­langer Digital­knipserei noch immer mit mir herum. Und das war wohl der entschei­dende Grund, warum dieses Fähnchen so erfolg­reich meine Aufmerk­samkeit fesseln konnte.

Die Motiv­auswahl lief praktisch unter­bewußt, aber die Denk­murmel entwickelte aus dem Motiv ganz lapidar die Frage, ob wohl die Person, die hier ihr Fähnchen nach dem Wind hängt, ihr Mit­teilungs­bedürf­nis gegen den öko­logi­schen Fuß­abdruck abge­wogen hat, den dieses Statement letztlich hinter­ließ.

Die Trägersubstanz ist Poly­ester, und das ist nicht klima­neutral. Die Grund­stoffe rege­ne­rieren sich nicht. Recycling ist zwar in gewissem Umfang möglich, hinter­läßt aber einen ziemlich tiefen ökolo­gischen Fußab­druck, der randvoll gefüllt ist mit Chemi­kalien. Und die Farben? Welche von den sechsen ist klima­neutral? Viel­leicht der Purpur? Der könnte mög­licher­weise noch am ehesten natur­nah gewonnen werden. Doch wie über­redet man die Purpur­schnecken, in der Industrie­sied­lung am Stadt­rand „heimisch” zu werden? Das Herüber­fliegen aus ihren ange­stammten Lebens­räumen wäre nicht einmal dann klima­neutral, wenn die Transport­flug­zeuge mittels Elektro­turbinen zum Fliegen gebracht würden…

Kurz: Schon allein dieses winzige Beispiel dürfte erheb­lichen Zweifel nähren, ob es bei der Defi­nition der Klima­neutra­lität über­haupt mit rechten Dingen zugeht. Ein schwei­fender Blick durch die Wohnung, über den Arbeits­platz, aufs Händi, durch das Auto oder ein öffent­liches Verkehrs­mittel, über jeden belie­bigen Bereich des privaten oder öffent­lichen Lebens dürfte diese Skepsis verfestigen oder sogar noch steigern.

14 Kommentare zu „Neutral?

  1. Na, das hast du die ja sehr schlau ausgedacht, das muss man dir lassen! Zuerst wird das Interesse mit den vergilbten Bildern aus Omas Schuhkarton gefangen, die mir noch in bester Erinnerung sind, um dann sanft auf die feinen Abdrücke, die die damaligen Gummitstiefel im weichen Boden hinterließen überzuleiten. Halt, alles zurück! Nix da mit guter alter Zeit, plötzlich finde ich mich im ökologischen Fußabdruck wieder! Entsetzen kommt auf, verstörende Bilder überlagern die liebgewonnenen Erinnerungen! Was will der bloß? Klar, die ersten Spielzeuge waren noch aus Holz und Metall, ganz nebenbei wären da die Zinnsoldaten zu erwähnen, aber dann kam wie aus dem Nichts der Polyschub in unvorstellbaren Mengen, Reparieren wurde hinfällig, da es nie an Nachschub fehlte und dieser Trend hält an, nimmt weiter Fahrt auf, wenn ich einen Blick auf den nahen Spielplatz werfe. Sind wir nicht alle Kinder einer Welt, in der nicht mehr Milch und Honig fließen, sondern einer überschwappenden Kettenpolymerisation? Und jetzt plötzlich sollen die Polymere, die uns von Kindheitstagen umgeben, die uns beim Kauf kleinster Allerweltsartikel freihaus mitgeliefert werden, was tun? Abdrücke hinterlassen? Ökologische Abdrücke? Kann nicht sein, habe ich noch nie gesehen! Einige Kilometer südlich von hier findet man einen richtig tollen Müllberg, von dem aus man bis ins nahe Slowenien blicken kann – also ein modernes Bauwerk über das sich zukünftigen Archäologen für Äonen Arbeit liefern wird. Teilweise wieder begrünt, mit bunten Blumen übersäht, stellt er ein Monument der Moderne dar und das alles mit Polymerketten aller Art geschaffen. Hoch oben weht ein laues Lüftchen, es scheint die Sonne heller als sonstwo und ein buntes Polymerfähnchen weht im Wind,um der Welt den Fortschritt kund zu tun. Abdrücke? Nein, da sehe ich nichts, alles ökologisch einwandfrei, nur ein paar Bauern im Dorf meckern wegen irgendwelchen Eigenheiten des Grundwasser, aber diese „Nervtöter“ gibt es ja überall …
    PS: Bin irgendwie gedanklich abgeglitten, wollte eigentlich nur sagen: Was dem Fisch das Wasser, das sind dem Homo sapiens die Polymerketten, das ist von der Schöpfung so gewollt, ansonsten hätten wir die doch nie gefunden …

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      1. Ist das so? Ich kenne solche Seiten nicht, finde das aber auch nicht verwunderlich.
        Warum „höchst verstörend“? Meiner Meinung nach ist das einfach nur logisch. Mit welcher Konsequenz diesem Gedanken jetzt nachgegangen wird, bleibt abzuwarten. Aber blöd wie wir Menschen nun mal sind und auch mit Blick auf die Entwicklung des Lebens auf der Erde, bin ich überzeugt, daß es früher oder später ohnehin dazu kommt, daß wieder weniger „intelligente“ Lebensformen dominieren.

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        1. Ist es nicht verstörend, den Gedanken an eine weltweite Dezimierung der Menschheit oder an eine gezielte Ausrottung der Menschheit zuzulassen, ohne über dessen Sinnhaftigkeit nachzudenken?

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        2. Nein. Der Sinn geht dem Gedanken ja voraus. Seit ich die exakte Bedeutung des Begriffes Humanismus kenne, weiß ich, daß ich kein Humanist bin. Für alle außer den Menschen wäre das Verschwinden der Menschheit ein Gewinn. Daß meine Familie und ich selbst auch dieser Spezies angehören ist nun mal so, ändert aber nichts am großen Ganzen.

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        3. Ich meine zu erahnen, wie Du das meinst mit dieser anmaßenden und sich selbst überhöhenden Spezies. Aber ich gebe zu bedenken, daß es keine „unsinnigen” Lebensformen gibt. Jede Spezies hat ihren Platz im Gesamtgefüge. Zumindest eine Zeitlang, bis sich die Umstände so weit geändert haben, bis eine Spezies verschwindet und dafür andere entstehen…

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        4. …zurück aus dem Urlaub erlaube ich mir noch einen:
          Ich sage ja nicht, daß die Menschen eine unsinnige Lebensform sind, aber meiner Meinung nach zumindest eine Fehlentwicklung. Kosmisch ist das alles aber ohnehin irrelevant. 😉

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        5. Hach, Urlaub! ⛱ … da wird einem ja ganz wohlig zumute. Ich hoffe, Dein/Euer Urlaub war erholsam…

          Und ja, das alles ist kosmisch wahrscheinlich wirklich irrelevant. Doch was die Einschätzung einer Fehl- oder nicht Fehlentwicklung angeht, hängt sie doch sicherlich davon ab, was man als naturgegebene Sollfunktion ansieht. Und die dürfte keiner von uns kennen…

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  2. Wie war das noch mal – auch oder gerade in den angesprochenen Kreisen?
    Die Mittel rechtfertigen den Zweck …

    Bei der Übermittlung der Botschaft darf man dann sogar drei Augen zu drücken (samt Hühnerauge),
    doch nehmen wir dann die Forderungen derer zum Klimaschutz, dann ist doch alles gut:
    Keine Kinder mehr zeugen, keine Haustiere bitte!, nicht atmen, nicht pupsen (wollen die Grünen gar der Zwiebel an den Kragen – doch das ist nun wirklich Verschwörungstheorie und wenn sie dann wahrlich konsequent wären: kein Leben, zumindest kein menschliches mehr.
    Würden sie dann doch mal mit guten Beispiel voran gehen …
    doch dann landen wir, auf verschiedenen Ebenen, wieder bei deinem Problem mit dem Fähnchen im Winde.
    Ein Teufelskreis für wahr – die Fahne mit den 6 Farben.
    Welche Farbe fehlt denn da eigentlich in diesem Regenbogen-Abklatsch?
    Müßte dir doch eigentlich auffallen, bist ja nahezu vom Fach!

    Alles Liebe,
    Raffa.

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    1. Die fehlende Farbe in der „Regenbogenfahne” ist ein helles Blau (so ein Mittelding von türkis und himmelblau), das sich zwischen grün und dunkelblau (indigo) befinden müßte, wenn der Regenbogen ein Wörtchen mitzureden hätte.
      Aber irgendwie fragte ich mich, während ich die Farbtöpfchen meines Tuschkastens einer Inventur unterwarf, warum ich ›nahezu vom Fach‹ sein soll. *grübel*

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      1. Yepp,
        es ist passenderweise und wie du es auch anmerkst „Indigo“-Blau.
        Na, und vom Fach bist du doch, wenn du mit dem Photo-Knipps ans Werk gehst und dir über Warm-, Kaltfilter, Farbstiche und -verschiebungen mehr als nur Gedanken machst, oder?

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        1. Ach, das Fach hattest Du gemeint. Da bin ich ja beruhigt. 😌
          Ist schon irgendwie seltsam, mit dem Knipsen habe ich irgendwann etwa zur Mitte meiner Schulzeit begonnen. Und im Fach „Zeichnen” war ich halbwegs gut. Zumindest, solange es wirklich ums Zeichnen ging. Malen kann ich nicht.
          Dann bekam ich meinen ersten Photoapparat (ein super Gerät mit einem hervorragenden Objektiv). Die suggestive Wirkung, nun vielleicht doch malen zu können, also zu lichtmalen, brachte mich dann fast schon zwangsläufig dazu, mich autodidakt mit den fachlichen Grundlagen zu befassen. Mit der dann Schritt für Schritt hinzukommenden Erfahrung, sammelte sich zu diesem Thema einiges unter Dach und Fach… 🙂

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