Menschen im Vakuum

Aus TBBT stammt ein Physi­ker­witz: »Ein Geflü­gel­bauer ist besorgt, weil seine Hühner auf­gehört haben, Eier zu legen. Da er das Problem nicht lösen kann, bietet ihm einer seiner Freunde, ein Physiker, Hilfe an. Der Physiker kommt auf die Farm, nimmt mit kompli­zierten Geräten eine Menge Messungen vor und analy­siert dann die Daten. Nach einigen Tagen ruft er dann seinen Freund, den Geflü­gel­bauern, an: „Okay, ich habe eine Lösung für dein Problem, aber es funk­tio­niert nur mit kugel­förmigen Hühnern im Vakuum”« (Quelle: wiki).

Das ist wirklich ein Witz! Auch aus TBBT stammt eine echt cooper­sche Be­grün­dung: »Das war ein Witz. Es ist witzig, weil es wahr ist« (Quelle: wowikon). Doch es ist nicht nur ein Witz, sondern ein unfaßbar guter! 😃

Und die Wahrheit?! Späte­stens seit der Auf­klä­rung, seit dem Postulat vom „Guten im Menschen”, sind moralisch-ethische Konzepte entwickelt und daraus Hand­lungs­maximen und Gebote abge­leitet worden, die allesamt, wenn über­haupt, nur mit kugel­förmigen Menschen im Vakuum funk­tio­nieren, nicht aber unter realen Bedin­gungen wie etwa Konkur­renz­kampf, „Futter­neid” und be­grenz­ten und sich erschöp­fenden Res­sourcen…

1 ÷ 80

Die täglichen Corona-Fall­zahlen inter­essie­ren mich höchst marginal, nämlich wirk­lich nur am Rande. Selbst nach rund einem halben Jahr der Koexi­stenz von Mensch und SARS-CoV 2 konnten sich offenbar Wissen­schaft, Regierung und Medien weder auf einen stati­sti­schen Standard noch auf eine sinn­volle Präsen­tation von Fakten einigen.
Und prompt werden ange­sichts der „zweiten Welle” die vorge­führten Zahlen wieder reiße­rischer: »Welt­weit sind inzwi­schen mehr als 700.000 Menschen im Zusam­men­hang mit dem Corona­virus gestorben. Das ergibt eine Erhebung der Nach­richten­agentur Reuters auf Basis offi­zieller Daten. Jeden Tag sterben demnach fast 5.900 Menschen welt­weit, die mit dem Virus infi­ziert sind – im Schnitt alle 15 Sekunden ein Mensch. Die meisten Todes­fälle ver­zeich­nen die USA, Brasilien, Indien und Mexiko …« (Quelle: BR24).
Noch immer ist nicht klar, was die Modal­bestim­mung „im Zusam­men­hang” eigent­lich meint. Die Palette reicht schließ­lich von „während der Coro­na‑Zeit” über „mit dem Virus” bis hin zu „am Virus ge­stor­ben”. Hinzu kommt das Forcieren der mentalen Pein: alle 15 Sekunden stirbt auf der Erde ein … hm, naja … Coro­na‑Opfer. Unbe­strit­ten ist jeder Krank­heits- oder gar Todes­fall eine Tragödie. Doch wie steht es eigent­lich um die übrigen rund 80 Per­sonen, die in der Zeit­spanne eines einzelnen Coro­na‑Toten [also alle 14,6 s] fernab von Corona ihr Leben beenden?

unklug

Wenn der Verstand in theore­tisch-abstrak­ten Dingen kor­reliert wäre mit Vernunft (oder Klugheit oder Weisheit), würde heut­zutage dann „Nicht diesen, sondern Bar­ra­bam” [also das – höre z. B. hier – Bevor­teilen eines Asozialen] aus­ge­schlos­sen sein?

gefesselt

Mag ja sein, daß es die Mis­sio­nare der Aufklärung gut gemeint hatten, als sie den Menschen von (haupt­säch­lich) geistigen Ketten befreien wollten. Aber ist denn diese Spezies zu wert­freiem Denken über­haupt in der Lage? Letzt­lich wurden die Ketten zwar abge­nommen, aber der ver­meint­lich freie Geist nicht aus dem Kerker geführt, so daß er sich, ohne lange zu zögern, freiwillig wieder an die Kette legte (so eine Art drei­facher Selbst­fesse­lung aus Intoleranz, Neid und dümm­lichem Vor­urteil).

Störfaktor Mensch

Die Regierung der bunten deut­schen Republik – wir reden von einer reprä­senta­tiven Demo­kratie – ist der Wohl­fahrt der Bevöl­kerung verp­flich­tet, denn von einem Teil davon, nämlich dem gemeinen Stimm­vieh, bezieht sie die Wahl­ergeb­nisse, die ihre (Un‍-)Taten legi­ti­mieren. Späte­stens in Krisen­zeiten lassen sich Sach­ver­stand und Kompe­tenz erkennen, oder eben das Ausmaß ihres Fehlens.
Über den Bundesminister vermelden die Medien: »¹Bundes­wirt­schafts­mini­ster Altmaier hat den Anstieg der Corona‍-Neu­infek­tionen in Deutsch­land als wich­tiges Warn­zeichen bezeichnet. ²Die wirt­schaft­liche Erholung werde dadurch gefährdet. ³Der Aufschwung deute sich bereits an und werde in der zweiten Jahres­hälfte an Tempo gewinnen. Altmaier warnte aber, ⁴alles stehe unter dem Vorbe­halt der Gesund­heit der Menschen. ⁵Deshalb seien die stei­genden Fall­zahlen beun­ruhi­gend« (Quelle: BR24).
Der erstgenannte vermeldete Satz erschüttert durch seine absolut nichts­sagende Hohl­heit. Dafür entschädigt aber der zweite Satz: Die wirt­schaft­liche Erholung ist gefährdet, nicht etwa die Gesund­heit der Menschen. Es ist doch immer wieder wohl­tuend, zu hören, wem die Regie­rung sich ver­pflich­tet fühlt. Nachdem die Regie­rung als coro­na‍-be­glei­tende Maß­nahme nichts Eili­geres zu tun hatte, als die Wirt­schaft an und Teile davon in den Ruin zu treiben, liegt das Haupt­augen­merk jetzt – vgl. Satz 3 aus der zitierten Nach­richt – offenbar darauf, die bereits jetzt unüber­seh­baren Schäden möglichst schnell zu über­schminken (also die wahren(?) Macht­haber im Lande zu besänf­tigen).
Dann kommt das Löffel­chen Honig, mit dem das gemeine Stimm­vieh die bittere Medizin gefügig schlucken soll: alles vorbe­halt­lich der Gesund­heit der Menschen. Um der Menschen willen? Hm, naja, der fünfte Satz deutet auf den Blick­winkel, von dem aus eine Antwort gefunden werden könnte: Worauf bezieht sich das ‘deshalb’? Auf die wirt­schaft­liche Erholung (Satz 2) und den Auf­schwung (Satz 3), die durch den Stör­faktor Mensch nicht erwar­tungs­gemäß voran­getrieben werden können? Oder doch eher auf den Vorbe­halt (Satz 4) der Rück­sicht­nahme auf die Ge­sund­heit der Bevöl­kerung? Doch auch diese Lesart degradiert den Menschen zu einem störenden Term in der Rechnung des Wirt­schafts­mini­sters…

Pedanterie

So um das Jahr 1930 herum schrieb Robert Musil in seinem Roman Der Mann ohne Eigen­schaften folgende Sätze: »Genauigkeit, als mensch­liche Haltung, verlangt auch ein genaues Tun und Sein. Sie verlangt Tun und Sein im Sinne eines maxi­malen An­spruchs. Allein hier ist eine Unter­schei­dung zu machen.
Denn in Wirk­lich­keit gibt es ja nicht nur die phan­tasti­sche Genauig­keit […], sondern auch eine pedan­tische, und diese beiden unter­scheiden sich dadurch, daß sich die phanta­stische an die Tatsachen hält und die pedan­tische an Phan­tasie­gebilde. […] Es gibt also in Wirk­lich­keit zwei Geistes­verfas­sungen, die einander nicht nur bekämpfen, sondern die gewöhnlich, was schlimmer ist, neben­ein­ander bestehen, ohne ein Wort zu wechseln, außer daß sie sich gegen­seitig versichern, sie seien beide wün­schens­wert, jede auf ihrem Platz. Die eine begnügt sich damit, genau zu sein, und hält sich an die Tatsachen; die andere begnügt sich nicht damit, sondern schaut immer auf das Ganze und leitet ihre Erkennt­nisse von so­genann­ten ewigen und großen Wahr­heiten her. Die eine gewinnt dabei an Erfolg, und die andere an Umfang und Würde. Es ist klar, daß ein Pessimist auch sagen könnte, die Ergeb­nisse der einen seien nichts wert und die der anderen nicht wahr
« (Quelle: Der Mann ohne Eigen­schaften, Band I, Lizenz­ausgabe des Verlages Volk und Welt, Berlin 1980).
Und nun, knapp einhundert Jahre später, sei ganz schlicht die naive Frage erlaubt, ob die aktu­elle Gene­rali­sierung von Rassis­musvor­würfen, von ge­schlechter­spezi­fischem Aktio­nismus, von Mutter­sprach­mord oder die rüc­kwirkende Geschichts­berei­nigung eher zum Stich­wort Genauigkeit oder nicht viel­leicht doch zur Pedanterie zu zählen ist?

Geist

So um das Jahr 1930 herum schrieb Robert Musil in seinem Roman Der Mann ohne Eigen­schaften folgende Sätze: »Es ist so natürlich, daß der Geist als das Höchste und über allem Herr­schende gilt. […] Was kann, schmückt sich mit Geist, verbrämt sich. Geist ist, in Verbin­dung mit irgend­etwas, das Verbrei­tetste, das es gibt. Der Geist der Treue, der Geist der Liebe, ein männ­licher Geist, ein gebil­deter Geist, der größte Geist der Gegen­wart, wir wollen den Geist dieser und jener Sache hoch­halten, und wir wollen im Geiste unserer Bewe­gung handeln […].
Aber wenn Geist allein dasteht, als nacktes Haupt­wort, kahl wie ein Gespenst, dem man ein Lein­tuch borgen möchte, – wie ist es dann? Man kann die Dichter lesen, die Philo­sophen studieren, Bilder kaufen und nächte­weise Gespräche führen: aber ist es Geist, was man dabei gewinnt? Ange­nommen, man gewönne ihn: aber besitzt man ihn dann? Dieser Geist ist so fest verbunden mit der zufälligen Gestalt seines Auftretens! Er geht durch den Menschen, der ihn aufneh­men möchte, hindurch und läßt nur ein wenig Erschüt­terung zurück. Was fangen wir mit all dem Geist an? Er wird auf Massen von Papier, Stein, Lein­wand in geradezu astro­nomischen Ausmaßen immer von neuem erzeugt, wird ebenso unab­lässig unter riesen­haftem Verbrauch von nervöser Energie aufge­nommen und genossen: Aber was geschieht dann mit ihm? Ver­schwin­det er wie ein Trugbild? Löst er sich in Partikel auf? Entzieht er sich dem irdischen Gesetz der Erhaltung? Die Staub­teilchen, die in uns hinab­sinken und langsam zur Ruhe kommen, stehen in keinem Verhältnis zum Aufwand.
« (Quelle: Der Mann ohne Eigen­schaften, Band I, Lizenz­ausgabe des Verlages Volk und Welt, Berlin 1980).
Beim Lesen dieser Passage wabert, auch wenn ich mich mit Titanen­kraft dagegen wehre, eine bunt schil­lernde Seifen­blase vor meinem geistigen (sic!) Auge durch das Asso­ziations­zentrum, auf der die Frage lesbar ist: Und wie ist das mit Blog-Portalen?

Ignoranz

Es gibt Texte oder sogar Schrift­stücke, die Menschen mani­pu­lieren sollen. Ups, schon falsch! Der Anfangssatz sollte besser anders formuliert sein: Jeder Text bzw. jedes Schrift­stück soll Menschen mani­pu­lieren. Aus­nahms­los! Wobei das Verb mani­pu­lieren keines­wegs auf die negative Konno­tation beschränkt ist. Alle Texte und Schrift­stücke sind Auffor­derungen, etwas zu tun oder zu lassen, oder sie versprechen, daß etwas getan oder gelassen werde.
Neben dieser offen­sicht­lichen „Fracht” tragen manche Texte zudem noch eine weitere, versteckt liegende Botschaft. Diese wird – o Wunder! – gern übersehen, kann aber durchaus der wichtigere, wert­vollere Teil der Text­nach­richt sein. Beispiel (Zitat aus der Luther-Bibel, 1545, 1. Mose1 Kap. 1):

»26 VND Gott sprach / Lasst vns Menschen machen / ein Bild / das vns gleich sey […] 27 VND Gott schuff den Menschen jm zum Bilde / zum Bilde Gottes schuff er jn / Vnd schuff sie ein Menlin vnd Frewlin. 28 Vnd Gott segnet sie / vnd sprach zu jnen / Seid fruchtbar vnd mehret euch vnd füllet die Erden / vnd macht sie euch vnterthan«

Den offen­sicht­lichen Teil dieses Textes (oder auch moderni­sierter Fassungen) wird jeder (Gläubige oder Un­gläubige) herbeten können: Macht euch die Erde untertan. Aber warum? Ist es denn nicht so, daß dem Menschen gegeben wird, wohin auch immer es ihn verschlägt? Fliegt denn nicht die Nahrung wie im Schla­raffen­land einfach so durch die Luft, daß man sich um deren Her­stel­lung und Zube­reitung nicht zu kümmern braucht? Sind es die Domi­nanten und Herrsch­süch­tigen, denen man extra ans Herz legen muß, sich andere und anderes untertan zu machen?
Seit Tausenden von Jahren sammeln die Menschen Erfah­rungen über sich als Spezies wie auch als Indi­viduum. Unzählige Text sind darüber verfaßt worden. Doch wieviele Bot­schaf­ten sind über­sehen oder nicht verstanden oder schlicht­weg igno­riert worden? Gibt es durch das Bewahren von empi­ri­schen Deutungen, das Analy­sieren und Aufbe­reiten daraus gewonnener Erkennt­nisse und das Verstehen des Wesent­lichen einen evolu­tionären Vorteil der Spezies Mensch? Viel­leicht bedurfte es dieses Vorteils bislang nur noch nicht? Viel­leicht bräuchte aber diese Spezies diese Fertig­keiten gerade jetzt, so kurz vor dem Abgrund und voll­kommen ahnungs­los über sinn­träch­tige Alter­nativen, mehr denn je? Tja, es reicht wohl nicht, Unter­tanen zu haben, wenn man ein unfähiger Herrscher ist…