geben und nehmen

Das alte Jahr ist beinahe schon zu Ende. Was das neue Jahr wohl bringen mag? Doch ist denn gerade diese Frage nicht unlogisch, nämlich diametral zur Erfahrung und zu allen Wahr­schein­lich­keiten? Ist sie letzt­lich nicht ein wenig oberflächlich?
Sind denn die Jahre, die etwas brachten, nicht längst abgelöst von denen, die unbarm­herzig etwas nehmen: die Haare, die Zähne, die Gesund­heit, Freunde und Lebens­gefährten und eben auch den Glauben daran, daß Jahre etwas (Ange­nehmes) brächten…

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Auge-Finger-Tic

Immer wieder bin ich verblüfft, wie „schmerz­frei” die Biologen sein müssen. Mit hoch­wichtigen Gesichtern präpa­rieren sie nicht nur mar­kante Merk­male bei jeder Art heraus, die in der Evolu­tions­linie wie auch quer dazu, also im Vergleich zu anderen zeit­genös­sischen Arten, hervor­stechen, sondern nennen auch ohne jeden Skrupel mit defi­nito­rischer Gewalt den jewei­ligen biolo­gischen Vorteil eines jeden Merkmals.
Nun denn! So benennt doch bitte einmal den bio­lo­gischen Vorteil des Auge-Finger-Tics beim modernen Menschen. Gemeint ist die Reiz­leitung direkt von der Retina zum zuckenden Finger, der die Händi­kamera auslöst, ohne über­haupt einen Umweg über Seh­zentrum, Asso­ziations­zentrum etc. zu nehmen.

Aufstieg verbaut

Mag sein, daß Ockhams Rasier­messer ein probates Mittel ist, um über­stehende Löckchen mit einem raschen Schnitt zurück­zustutzen, um zu einer wind­schnit­tigen Denk­frisur zu gelangen. Aber vor dem Gebrauch dieses scharf­schneidigen Instru­mentes sollte dringendst der Beipack­zettel studiert werden.
Es geht ja nicht nur darum, Über­flüssiges abzu­säbeln, was letzt­lich eine deut­liche Erleich­terung mit sich bringen kann, sondern es geht auch um uner­wünschte Neben­wirkungen. Durch die Ontologi­sierung der Welt als eine schlichte (d. h. den Menschen als einfach erschei­nende) Welt durch­trennt Ockhams scharfe Schneide die Sprossen, auf denen die Erkennt­nis der Welt höher steigen könnte.

einfältig

Einfältig ist, nur einen Weg zu kennen. Einfältig ist, die Vermutung gar nicht erst zuzulassen, daß es Alter­nativen geben kann – von der Suche danach ganz zu schweigen. Einfältig ist, die Mittel und Hand­habungen zu forcieren, durch die man in eine miß­liche Situation geraten ist, um dadurch eine Bes­serung des Übels zu erreichen.
Einfalt ist die Palette, auf der die Parteien wie mutwillige Farbtupfer drapiert sind.

Chronosphären

Im Moment lese ich den Roman Das Geheimnis der verlo­renen Zeit von John Wray. Auf Seite 286 von ins­gesamt 733 Seiten kann ich mich des Verdachts kaum noch erwehren, daß auf der letzten Seite des Buchs eine Bemer­kung zu lesen sein könnte, die etwa so klingt: Was du beim Lesen an Zeit verloren hast, ist gar kein Geheimnis; es klebt in Form unzäh­liger Augen­blicke an jeder Zeile dieses Buches.
Aber man soll ja kein Buch vor dem Abend loben. Oder war’s der Epilog?
Nein, ganz im Ernst. Der Roman ist getragen von der Aussage, daß die Zeit nicht etwa als ein lineares, sukzes­sives Etwas zu ver­stehen, sondern von rotie­render Natur sei. Daß sie kreist, in Sphären, in Chrono­sphären. Seltsamer­weise drängt sich, dieses lesend, sofort der Roman Die Sirenen des Titan von Kurt Vonnegut ins Erinnern. Es ist beinahe körper­lich spürbar, wie die Zeit bei ihm in Kreisen durch das von ihm literarisch bear­beitete chrono­synkla­stische Infun­dibulum strudelt. Von dort ist es für die Asso­ziations­kette nicht mehr weit bis zu Viktor Schauberger und seinen Strömungen, Wirbeln und Trichtern…
Und plötzlich ist die Lese­liste wie von Zauber­hand um minde­stens ein halbes Dutzend Bücher länger geworden.

verstehen

S. Cooper [TBBT] verwendet die Qualität des Kantinen­futters irgend­wann als Indiz gegen die Annahme, Element einer Matrix zu sein. Doch da irrt der Meister. Durch sein eide­tisches Gedächtnis dürfte es ihm ein Leichtes sein, anhand des Höhlen­gleich­nisses des Platon zu verstehen, daß ein „in der Matrix” zwar ein „außer­halb der Matrix” unter­stellt, daß aber zugleich auch „von innen nach außen” gerich­tete Erkennt­nisse ihrer­seits Matrix­eigen­schaften sind (also nicht zu deren Wider­legung taugen) und „von außen nach innen” gerich­tete Erkennt­nisse für die Immatri­kulierten (5 € in die Wort­spiel­kasse!) prinzipiell dem Verständnis entzogen sind. Letz­teres bedeutet aber:
Verstehen erst nach Exmatri­kulation. Bazinga!