Warn-App

Lernfähigkeit ist ihre Sache offenbar nicht! Die Rede ist von der Spezies Mensch. Je nach geistiger und vor allem poli­tischer Ver­fas­sung betet sie inbrünstig für das Wahr­werden eines heißen Wunsches oder beschließt das praktische Erreicht-haben eines Zieles (bevor­zugt in irgend­welchen Massen­auf­läufen anläß­lich irgend­eines 5‑Jahres-Plans).
Zwischen diesen beiden extremen Polen gibt es beliebige Abstu­fungen; manchmal genügt nämlich auch ein schlichtes Verkünden: »Die Initiative „Quer­denken 711“ aus Stuttgart will an diesem Sams­tag […] unter dem Motto „Das Ende der Pandemie – Tag der Freiheit“ bundes­weit Teil­nehmer mobi­lisieren« (Quelle: SZ). Nun gut, mit dem Finger zu schnipsen und daraufhin irgendein Ende zu postu­lieren, ist die eine Seite. Die andere Seite ist, ob sich dieses Schnipsen nach der all­fäl­ligen Inku­bations­zeit in der Corona-Infektions­stati­stik nieder­schlägt oder eben nicht. In rund zwei Wochen könnte man mehr wissen, wenn dieses „Frei­land”‑Expe­ri­ment stati­stisch sauber durch­geführt würde (d. h. doppel­blind in den Vergleichs­gruppen „mit” und „ohne” Schutz­maß­nahmen; aber das könnte in der tech­ni­schen Umsetzung etwas schwierig werden…). Bis dahin wird man sich wohl auf Warn-App und Laut­stärke ver­las­sen müssen (wer am laute­sten brüllt, hat recht).
Vielleicht bräuchte es mal eine Warn-App, die die Konta­mina­tion mit geistigem Dünn­schiß regi­striert… 🤔

gefesselt

Mag ja sein, daß es die Mis­sio­nare der Aufklärung gut gemeint hatten, als sie den Menschen von (haupt­säch­lich) geistigen Ketten befreien wollten. Aber ist denn diese Spezies zu wert­freiem Denken über­haupt in der Lage? Letzt­lich wurden die Ketten zwar abge­nommen, aber der ver­meint­lich freie Geist nicht aus dem Kerker geführt, so daß er sich, ohne lange zu zögern, freiwillig wieder an die Kette legte (so eine Art drei­facher Selbst­fesse­lung aus Intoleranz, Neid und dümm­lichem Vor­urteil).

Intoleranz

Darf ich eigent­lich glauben, was immer ich will? Darf ich eine Welt­anschau­ung kulti­vieren, die sich beliebig weit von gängigen Welt­anschau­ungen entfernt? Darf ich eine eigene Meinung zu dem vertreten, was mein Glaube und meine Welt­anschau­ung sind?

Ob wohl alle drei Fragen mit einem klaren „ja” zu beant­worten sind oder viel­leicht doch mit einem zöger­lichen „ja, aber”? Die Antwort ist klar und unmiß­ver­ständ­lich im Grund­gesetz gegeben:

Artikel 4 GG: (1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des reli­giösen und welt­anschau­lichen Bekennt­nisses sind unver­letzlich.

Artikel 5 GG: (1) ¹Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allge­mein zugäng­lichen Quellen unge­hindert zu unter­richten. ²Die Presse­freiheit und die Freiheit der Bericht­erstat­tung durch Rund­funk und Film werden gewähr­leistet. ³Eine Zensur findet nicht statt.

Es findet sich keine Einschränkung der Art: Das Grund­gesetz gilt nur für konforme, für beglau­bigte oder für als unbe­denk­lich einge­stufte Meinungen. Und tat­säch­lich darf man nonkon­formi­stische Meinungen vertreten, ohne daß es die staats­schützen­den Organe kümmern würde; beispiels­weise die, daß die Urknall­theorie eklatante Mängel aufweist. Die Meinung hat keine poli­tischen Konse­quenzen, hätte aber sehr wohl welche, wenn es um den Zugang zu den Futter­trögen akade­mischer Elfen­bein­türme ginge; die freund­lichen Mitmenschen, die ja die Gabe haben, des Königs neue Kleider zu sehen und zu ver­herr­lichen, wüßten den Konkur­renten sehr effekt­voll zu diskri­mi­nieren…

Doch wie sieht es bei Meinungen aus, die halt poli­tisch alles andere als will­kommen sind? Was würde mit einem Menschen passieren, der eine andere Meinung zu den Gewalt­taten hätte, die vom Volk XYZ während der Regent­schaft von König UVW am Volk RST verübt worden sein sollen. Obwohl er nach Art. 4 eine von irgend einer Geschichts­doktrin abwei­chende Meinung haben und sie nach Art. 5 auch äußern darf, würde er zum poli­tischen Unmen­schen gestempelt werden, was mit dem Grund­gesetz voll­kommen unver­einbar ist. Aber wie würde man wohl den rasenden Mob aufhalten können, dem die Lynch­justiz aus den Augen blitzt?

Lieferkettengesetz

Nun gut, diese Spezies nennt sich „wissender Mensch” und nicht etwa denkender Mensch oder verste­hender Mensch. So können die Hirn­wichse­reien und geistigen Ergüsse, von denen der eine oder andere auf dieser Sammlung von Text­schnip­seln, die den Namen Blog nun nicht unbedingt verdient, unter der Kategorie „Narren­hagen” Erwähnung findet, nicht wirklich überraschen. Ja, auch das Thema Liefer­ketten­gesetz gehört in diese Kategorie.
Ich sehe mich im Super­markt eine Tüte Reis­körner auswählen. Und freilich will ich einen lücken­losen Nachweis darüber haben, auf welchen Wegen dieses (meistens, außer viel­leicht im Hoch­zeits­spalier) Nahrungs­mittel hier ins Regal gekommen ist. Ich erwarte eine Art Beipack­zettel mit Fakten zu Produ­zenten und, detailliert, jeden Produk­tions­schritt, zu Lieferanten und Zwischen­händlern, zu den Trans­port­wegen und Distri­butions­mecha­nismen. Und das alles nicht etwa nur für das Produkt, also die Tüte mit Reis­körnern, sondern für jedes einzelne Reiskorn. Es wäre doch verheerend, wenn die komplette Charge konta­miniert wäre von einem Reiskorn, dessen Reis­bauer sich, basierend auf welch verquasten Vor­stel­lungen auch immer, nicht als würdig erwiese, den ethisch-mora­lischen Gott­wesen, dort am anderen Ende der Welt, in diesem kleinen Land von nicht einmal 360 Tsd. km², Atzung zu liefern.
Ich sehe Einkäufer die Konti­nente bereisen, die mit der Uner­bitt­lich­keit histo­rischer Polit­kommis­sare Informa­tionen zum Umfeld des aktu­ellen Handels­gegen­standes „beschaffen”. Genügen diese Informa­tionen einem geheiligten Anforderungs­katalog, darf der Handel verhandelt werden. Elementare Verstöße ziehen den sofortigen Abbruch aller Geschäfts­beziehungen und einen (praktisch nicht mehr tilg­baren) Eintrag in ein Sünden­register nach sich. Falls es jedoch zu Verhand­lungen kommt, stehen sie unter dem Motto: Was immer als Preis aufge­rufen wird, wir bieten das Dreifache. Nicht laut gesprochen wird freilich die Recht­ferti­gung: Die gutmen­schelnden Gottwesen am Ende der Handels­kette wollen sich ein ruhiges Gewissen erkaufen; dafür ist kein Preis zu hoch, auch der nicht, das Prekariat im eigenen Land dafür bluten zu lassen.
Ich sehe Politiker­darsteller, die nach außen hui und nach innen pfui agieren. Deren Kontroll­wahn mittler­weile so weit geht, weltweit alles zu kontrol­lieren, nach höchst anmaßendem Werte­maßstab zu be- und vor allem zu verur­teilen. Kinder­arbeit beispiels­weise in einer mittel­asiati­schen Teppich­knüpferei ist grausam, ohne Zweifel. Ist es aber weniger grausam, diesen Kindern, die womöglich den Haupt­anteil am Über­leben ihrer Familie beitragen, die Absatz­märkte zu kappen und sie „reinen Gewissens” mitsamt ihrer Familie verhungern zu lassen?

Geist

So um das Jahr 1930 herum schrieb Robert Musil in seinem Roman Der Mann ohne Eigen­schaften folgende Sätze: »Es ist so natürlich, daß der Geist als das Höchste und über allem Herr­schende gilt. […] Was kann, schmückt sich mit Geist, verbrämt sich. Geist ist, in Verbin­dung mit irgend­etwas, das Verbrei­tetste, das es gibt. Der Geist der Treue, der Geist der Liebe, ein männ­licher Geist, ein gebil­deter Geist, der größte Geist der Gegen­wart, wir wollen den Geist dieser und jener Sache hoch­halten, und wir wollen im Geiste unserer Bewe­gung handeln […].
Aber wenn Geist allein dasteht, als nacktes Haupt­wort, kahl wie ein Gespenst, dem man ein Lein­tuch borgen möchte, – wie ist es dann? Man kann die Dichter lesen, die Philo­sophen studieren, Bilder kaufen und nächte­weise Gespräche führen: aber ist es Geist, was man dabei gewinnt? Ange­nommen, man gewönne ihn: aber besitzt man ihn dann? Dieser Geist ist so fest verbunden mit der zufälligen Gestalt seines Auftretens! Er geht durch den Menschen, der ihn aufneh­men möchte, hindurch und läßt nur ein wenig Erschüt­terung zurück. Was fangen wir mit all dem Geist an? Er wird auf Massen von Papier, Stein, Lein­wand in geradezu astro­nomischen Ausmaßen immer von neuem erzeugt, wird ebenso unab­lässig unter riesen­haftem Verbrauch von nervöser Energie aufge­nommen und genossen: Aber was geschieht dann mit ihm? Ver­schwin­det er wie ein Trugbild? Löst er sich in Partikel auf? Entzieht er sich dem irdischen Gesetz der Erhaltung? Die Staub­teilchen, die in uns hinab­sinken und langsam zur Ruhe kommen, stehen in keinem Verhältnis zum Aufwand.
« (Quelle: Der Mann ohne Eigen­schaften, Band I, Lizenz­ausgabe des Verlages Volk und Welt, Berlin 1980).
Beim Lesen dieser Passage wabert, auch wenn ich mich mit Titanen­kraft dagegen wehre, eine bunt schil­lernde Seifen­blase vor meinem geistigen (sic!) Auge durch das Asso­ziations­zentrum, auf der die Frage lesbar ist: Und wie ist das mit Blog-Portalen?

[Holbachinstitut, W.S.] Nietzsche: Kritik der Tiere

Wolfgang Sofsy Friedrich Nietzsche: Kritik der Tiere Menschen pflegen, sofern sie sich nicht als die Krone der Schöpfung mißverstehen oder sich zu höchstem Wesen erheben, als Teil der Natur zu begreifen, eng verwandt mit Gorillas, Schimpansen oder Bonobos. Sie glauben allerdings, über einen gesunden Menschenverstand zu verfügen, welcher den Tieren abgehe. Womöglich verhält es sich […]

zum kompletten Post im Original: Friedrich Nietzsche: Kritik der Tiere — Aufklärungen

maßlos

Die Welt ist – scheint’s – aus den Fugen. Nicht nur in den Verei­nigten Staaten, nein, sogar in Kassel gibt es Rassismus und Polizei­gewalt. Die Medien haben es schwarz auf weiß gemeldet (Quelle: HNA):Gutgelaunt, wie es sich für einen Sonntag­morgen gehört, gehe ich mal davon aus, daß das Satzbau­modul der Zeitungs‑Bots schleunigst ein Upgrade brauchen würde. Wahlweise könnte verste­hendes Lesen beim Redi­gieren der Texte hilf­reich sein…

Doch mal ganz ernst gefragt: Wieviel Verstand steckt in dieser #MeToo-Bewegung der anderen Art? Irgendwo auf dem Titan ist ein Säckchen mit Sternen­staub umge­fallen, und nun müssen alle, selbst wer noch nie Sternen­staub in Aktion erlebt hat oder es je wird, ihren Affekten (Angst, Wut, exzessive Selbst­dar­stellung…) freien Lauf lassen?! Und dabei ist der Slogan »Black Lives Matter« schlichtweg Rassismus pur! Wenn schon die Humanismus­drüse gequetscht werden soll, dann aber bitte: Jedes Leben zählt.
Nach dem, was an Informa­tionen aus Presse- und anderen Medien verfügbar ist, steht zudem, im Zusammen­hang mit den aktu­ellen Demon­strationen, eine völlige Unklarheit von Ursache und Auslöser zu vermuten. Die Polizei­gewalt ist in den Staaten ein durchaus bekanntes Phänomen – schließlich geht es hier um real existie­renden Imperia­lismus. Doch wie verteilt sich diese den jeweiligen Situa­tionen durchaus unange­messene Gewalt­ausübung auf die verschiedenen Ethnien, auf Kinder, Jugendliche, Erwachsene, auf Alters- oder Einkommens­gruppen, auf beliebig andere Gruppierungen?
Ein weiterer Aspekt, der zu gern „übersehen” wird, dürfte sein, wieviel Gewalt notwendig ist, damit die Polizei die ihr zugewiesenen Aufgaben überhaupt erfüllen kann. Hat es noch nie Fälle gegeben, in denen sich jemand durch Flucht einer legitimen Fest­stellung der Personalien entziehen wollte? Wie steht es um die Aggres­sivität (körperlich oder auch verbal) gegen Polizei­beamte? Ist der Auftrag eines Polizisten, seine Aufgaben zu erfüllen, nicht immer zugleich verbunden mit der Einschränkung der Freiheit anderer?

unwissend

Homo sapiens – wie stolz das klingt! Stolz klingt das, selbst­bewußt klingt das und … über­heblich und nach Hybris klingt das. Wissender Mensch? Was, was weiß er, dieser wissende Mensch? Weiß er die Zukunft? Oder weiß er von ihr im besten Fall höch­stens, wie er sich die Zukunft wünscht? Weiß er, daß das Jetzt nicht existiert und nichts weiter als eine trüge­rische Illusion ist? Weiß er, daß die Ver­gan­gen­heit kaum mehr als der Fundus ist, aus dem sich der wissende Mensch Kulissen und Requi­siten zusammen­klaubt, um die Illusion des Jetzt auszu­staf­fieren?
Homo sapiens? Sapienti sat!

Kontrollwahn

Manchmal drängt sich mir ein Bild auf, das ich dann nur noch müh­sam wieder los­werde. Es geht darin um die beste Frau Kanzler der Bunten Republik: Auf dem Nacht­schränk­chen von Königin ◊Angela I. steht ein Globus, den sie an jedem Abend mit bedeu­tungs­vollem Gestus und der Würde einer Hohe­prie­sterin in dem uner­schüt­ter­lichen Glauben um seine Achse rotieren läßt, die Erde würde zum Still­stand kommen, wenn sie nicht das auch noch kon­trol­lieren würde. 🌍🌏