ein Jahr vergangen

Na sowas! Schon wieder ist ein Jahr vorüber. Es fühlt sich an, als wäre es gestern gewesen, da ich dieses Blog mit diesem Artikel eröffnet hätte. Doch das hängt vielleicht auch damit zusammen, daß ich in der Zwischenzeit etwas mehr über – nicht nur beim Bloggen – das diffizile Verhältnis von Anspruch und Wirklichkeit zu erfühlen begonnen habe.

Doch was ist das schon, die Wirklichkeit? Reden wir nicht allein mit dem Beispiel namens WordPress über Web-Portale, die deutlich mehr „Wirklichkeiten” beherbergen als es Blogger pro Portal gibt?

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Verlängerung

So, das war er also, der erste Tag der „Verlän­gerung”. Nein, nicht Fußball. Zum Fuß­ball eigne ich mich, wie sich eine Milch­kuh zum Stab­hoch­sprung eignet. Es geht auch um keine andere Sport- oder Spielart, die per Reglement durch Mög­lich­keit und/oder Not­wendig­keit einer Verlän­gerung geadelt wäre (etwa Lang­lauf oder Streck­banken, oder wie heißt das Herum­lungern auf einer Streckbank).
Nein, es geht ganz profan um die Verlän­gerung meines Einsatzes, die mir „meine” Zeit­arbeits­firma gnädiger­weise gewährt hat. Ist schon seltsam, als ich mich vor knapp einem halben Jahr direkt bei der Firma beworben hatte, die jetzt bei der Zeit­arbeits­firma um eine Verlän­gerung meines Einsatzes gebeten hat, habe ich genau den Job, bei dem ich im Moment knapp 8 Stunden der Arbeits­wochen­tage zubringe, nicht ergattert. Wohl weil ich zu dusselig bin oder als grenz­debil wahr­genommen wurde. Und jetzt muß ich als Leih-Helot eine Verlän­gerung durch­spielen.
Ja, das Wort heißt korrek­terweise muß und nicht etwa darf. Die Tätigkeit ist intellek­tuell so heraus­fordernd, daß ich zum Schutz meines Denk­appa­rates das „Einstein-Modell” prakti­zieren werde. Zur Erinnerung: Er hat sich neben seinem (stupiden) Job im Patent­amt ein bißchen mit den Natur­wissen­schaften beschäftigt. ^_^

Überschallgeschwindigkeit

Es war Langeweile pur, die mich in den elek­tronischen Land­karten von Gugl nach­schauen ließ, wie die Gegend wohl aussehen möchte, die gleich besucht werden sollte. Die betref­fenden Karten waren rund zehn Jahre alt. Da war es nicht sonder­lich über­raschend, daß die digital vorge­führte Stadt­land­schaft mit der tatsächlich vorge­fundenen nur sehr, sehr wenig Ähnlichkeit hatte. Ehr­licher­weise keine. Wer nach dem Bild seinen Zielort sucht, dürfte – nach zehn Jahren „Lebens­wandel” – unfehlbar an seinem Ziel vorbei­laufen. Zeit für ein Update!
Apropos Zeit: In der digi­talen Land­schaft waren Distanzen von 200 m in kaum einmal 0,5 s zurück­gelegt. Das ergibt etwas mehr als 1400 km/h. In einer geschlossenen Ort­schaft und auf einer Fahr­bahn, nicht etwa im Luft­raum! Ob mir das Knöllchen für die Geschwin­digkeits­über­schreitung in die Zeit von vor zehn Jahren zurück­gesandt wird? Oder ist das Delikt längst verjährt?

Stereotypen

Was in der Commedia dell’arte die stereo­typen Figuren sind (z. B. Arlecchino, Colom­bina oder Pantalone), sollte es auch für das gioco della bizzarra vita geben. Für mich könnte ich mir den zornigen alten Mann recht gut vorstellen, wobei das mit dem Zornigen nicht so recht klappen will. Wann und wie fand der Rollen­wechsel vom verträumten Schwärmer hin zum melan­cholischen Ursachen­sucher statt?

Chronosphären

Im Moment lese ich den Roman Das Geheimnis der verlo­renen Zeit von John Wray. Auf Seite 286 von ins­gesamt 733 Seiten kann ich mich des Verdachts kaum noch erwehren, daß auf der letzten Seite des Buchs eine Bemer­kung zu lesen sein könnte, die etwa so klingt: Was du beim Lesen an Zeit verloren hast, ist gar kein Geheimnis; es klebt in Form unzäh­liger Augen­blicke an jeder Zeile dieses Buches.
Aber man soll ja kein Buch vor dem Abend loben. Oder war’s der Epilog?
Nein, ganz im Ernst. Der Roman ist getragen von der Aussage, daß die Zeit nicht etwa als ein lineares, sukzes­sives Etwas zu ver­stehen, sondern von rotie­render Natur sei. Daß sie kreist, in Sphären, in Chrono­sphären. Seltsamer­weise drängt sich, dieses lesend, sofort der Roman Die Sirenen des Titan von Kurt Vonnegut ins Erinnern. Es ist beinahe körper­lich spürbar, wie die Zeit bei ihm in Kreisen durch das von ihm literarisch bear­beitete chrono­synkla­stische Infun­dibulum strudelt. Von dort ist es für die Asso­ziations­kette nicht mehr weit bis zu Viktor Schauberger und seinen Strömungen, Wirbeln und Trichtern…
Und plötzlich ist die Lese­liste wie von Zauber­hand um minde­stens ein halbes Dutzend Bücher länger geworden.