1 ÷ 80

Die täglichen Corona-Fall­zahlen inter­essie­ren mich höchst marginal, nämlich wirk­lich nur am Rande. Selbst nach rund einem halben Jahr der Koexi­stenz von Mensch und SARS-CoV 2 konnten sich offenbar Wissen­schaft, Regierung und Medien weder auf einen stati­sti­schen Standard noch auf eine sinn­volle Präsen­tation von Fakten einigen.
Und prompt werden ange­sichts der „zweiten Welle” die vorge­führten Zahlen wieder reiße­rischer: »Welt­weit sind inzwi­schen mehr als 700.000 Menschen im Zusam­men­hang mit dem Corona­virus gestorben. Das ergibt eine Erhebung der Nach­richten­agentur Reuters auf Basis offi­zieller Daten. Jeden Tag sterben demnach fast 5.900 Menschen welt­weit, die mit dem Virus infi­ziert sind – im Schnitt alle 15 Sekunden ein Mensch. Die meisten Todes­fälle ver­zeich­nen die USA, Brasilien, Indien und Mexiko …« (Quelle: BR24).
Noch immer ist nicht klar, was die Modal­bestim­mung „im Zusam­men­hang” eigent­lich meint. Die Palette reicht schließ­lich von „während der Coro­na‑Zeit” über „mit dem Virus” bis hin zu „am Virus ge­stor­ben”. Hinzu kommt das Forcieren der mentalen Pein: alle 15 Sekunden stirbt auf der Erde ein … hm, naja … Coro­na‑Opfer. Unbe­strit­ten ist jeder Krank­heits- oder gar Todes­fall eine Tragödie. Doch wie steht es eigent­lich um die übrigen rund 80 Per­sonen, die in der Zeit­spanne eines einzelnen Coro­na‑Toten [also alle 14,6 s] fernab von Corona ihr Leben beenden?

(un)recht

Tja, nun können wir ja recht(!) stolz sein, daß sich unsere aktuelle Recht­spre­chung auf sehr alte Wurzeln berufen kann, nämlich u. a. ger­mani­sches Stammes­recht und römi­sches Recht. Damit wären wir sicherlich vor 2000 Jahren ganz gut aufge­stellt gewesen. Doch sind wir es auch in modernen Zeiten, in denen Menschen ihre höchst suspekten Werte­vor­stel­lungen auf Kosten vieler anderer zele­brieren (vgl. u. a. hier)?

Ein Haufen von Personen, denen man wohl nur unter Zwang eine Denk­tiefe, die selbst für einen Kassenbon nicht ausrei­chend wäre, zuge­stehen mag, skandiert nicht nur undurch­dachte Phrasen, sondern prakti­ziert, aus diesen Recht­ferti­gungen ableitend, grob fahr­lässiges Ver­hal­ten. Das alles freilich abgeschirmt von der durch das Grund­gesetz garan­tierten Freiheit der Meinung.

Dabei wird zu gern „über­sehen”, daß im Wort „Meinung” ein Pos­sessiv­pro­nomen als Ge­dächt­nis­stütze enthalten ist. Meine Meinung ist frei, solange ich sie in meinem Besitz behalte (es ist Sonntag; das räumt etwas Zeit ein, über dieses Oxymoron ein wenig nach­zuden­ken). Leitet sich aus dieser Meinung eine Handlung ab, die minde­stens eine weitere Person berührt, ist der Geltungs­bereich der Meinungs­frei­heit bereits verlassen; da gelten dann andere Gesetze (bzw. sie sollten gelten, aber gelten sie in einem histo­risch befan­genen Rechts­system?).

Intoleranz

Darf ich eigent­lich glauben, was immer ich will? Darf ich eine Welt­anschau­ung kulti­vieren, die sich beliebig weit von gängigen Welt­anschau­ungen entfernt? Darf ich eine eigene Meinung zu dem vertreten, was mein Glaube und meine Welt­anschau­ung sind?

Ob wohl alle drei Fragen mit einem klaren „ja” zu beant­worten sind oder viel­leicht doch mit einem zöger­lichen „ja, aber”? Die Antwort ist klar und unmiß­ver­ständ­lich im Grund­gesetz gegeben:

Artikel 4 GG: (1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des reli­giösen und welt­anschau­lichen Bekennt­nisses sind unver­letzlich.

Artikel 5 GG: (1) ¹Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allge­mein zugäng­lichen Quellen unge­hindert zu unter­richten. ²Die Presse­freiheit und die Freiheit der Bericht­erstat­tung durch Rund­funk und Film werden gewähr­leistet. ³Eine Zensur findet nicht statt.

Es findet sich keine Einschränkung der Art: Das Grund­gesetz gilt nur für konforme, für beglau­bigte oder für als unbe­denk­lich einge­stufte Meinungen. Und tat­säch­lich darf man nonkon­formi­stische Meinungen vertreten, ohne daß es die staats­schützen­den Organe kümmern würde; beispiels­weise die, daß die Urknall­theorie eklatante Mängel aufweist. Die Meinung hat keine poli­tischen Konse­quenzen, hätte aber sehr wohl welche, wenn es um den Zugang zu den Futter­trögen akade­mischer Elfen­bein­türme ginge; die freund­lichen Mitmenschen, die ja die Gabe haben, des Königs neue Kleider zu sehen und zu ver­herr­lichen, wüßten den Konkur­renten sehr effekt­voll zu diskri­mi­nieren…

Doch wie sieht es bei Meinungen aus, die halt poli­tisch alles andere als will­kommen sind? Was würde mit einem Menschen passieren, der eine andere Meinung zu den Gewalt­taten hätte, die vom Volk XYZ während der Regent­schaft von König UVW am Volk RST verübt worden sein sollen. Obwohl er nach Art. 4 eine von irgend einer Geschichts­doktrin abwei­chende Meinung haben und sie nach Art. 5 auch äußern darf, würde er zum poli­tischen Unmen­schen gestempelt werden, was mit dem Grund­gesetz voll­kommen unver­einbar ist. Aber wie würde man wohl den rasenden Mob aufhalten können, dem die Lynch­justiz aus den Augen blitzt?

Ignoranz

Es gibt Texte oder sogar Schrift­stücke, die Menschen mani­pu­lieren sollen. Ups, schon falsch! Der Anfangssatz sollte besser anders formuliert sein: Jeder Text bzw. jedes Schrift­stück soll Menschen mani­pu­lieren. Aus­nahms­los! Wobei das Verb mani­pu­lieren keines­wegs auf die negative Konno­tation beschränkt ist. Alle Texte und Schrift­stücke sind Auffor­derungen, etwas zu tun oder zu lassen, oder sie versprechen, daß etwas getan oder gelassen werde.
Neben dieser offen­sicht­lichen „Fracht” tragen manche Texte zudem noch eine weitere, versteckt liegende Botschaft. Diese wird – o Wunder! – gern übersehen, kann aber durchaus der wichtigere, wert­vollere Teil der Text­nach­richt sein. Beispiel (Zitat aus der Luther-Bibel, 1545, 1. Mose1 Kap. 1):

»26 VND Gott sprach / Lasst vns Menschen machen / ein Bild / das vns gleich sey […] 27 VND Gott schuff den Menschen jm zum Bilde / zum Bilde Gottes schuff er jn / Vnd schuff sie ein Menlin vnd Frewlin. 28 Vnd Gott segnet sie / vnd sprach zu jnen / Seid fruchtbar vnd mehret euch vnd füllet die Erden / vnd macht sie euch vnterthan«

Den offen­sicht­lichen Teil dieses Textes (oder auch moderni­sierter Fassungen) wird jeder (Gläubige oder Un­gläubige) herbeten können: Macht euch die Erde untertan. Aber warum? Ist es denn nicht so, daß dem Menschen gegeben wird, wohin auch immer es ihn verschlägt? Fliegt denn nicht die Nahrung wie im Schla­raffen­land einfach so durch die Luft, daß man sich um deren Her­stel­lung und Zube­reitung nicht zu kümmern braucht? Sind es die Domi­nanten und Herrsch­süch­tigen, denen man extra ans Herz legen muß, sich andere und anderes untertan zu machen?
Seit Tausenden von Jahren sammeln die Menschen Erfah­rungen über sich als Spezies wie auch als Indi­viduum. Unzählige Text sind darüber verfaßt worden. Doch wieviele Bot­schaf­ten sind über­sehen oder nicht verstanden oder schlicht­weg igno­riert worden? Gibt es durch das Bewahren von empi­ri­schen Deutungen, das Analy­sieren und Aufbe­reiten daraus gewonnener Erkennt­nisse und das Verstehen des Wesent­lichen einen evolu­tionären Vorteil der Spezies Mensch? Viel­leicht bedurfte es dieses Vorteils bislang nur noch nicht? Viel­leicht bräuchte aber diese Spezies diese Fertig­keiten gerade jetzt, so kurz vor dem Abgrund und voll­kommen ahnungs­los über sinn­träch­tige Alter­nativen, mehr denn je? Tja, es reicht wohl nicht, Unter­tanen zu haben, wenn man ein unfähiger Herrscher ist…

5 = 0

Wenn ich für Bewer­bungs­unter­lagen meine – wie heißt das so schön auf Neudeutsch? – Skills zu dekla­rieren habe, gebe ich zum Stich­wort Statistik meistens „Grund­kennt­nisse” an. Das mag durchaus unter­trieben sein, so dachte ich zumindest bisher, scheint aber in Wirk­lich­keit eher eine arge Hoch­stapelei zu sein, wie mich WordPress soeben belehrte:Gezeigt ist ein Ausschnitt aus der WP‑Statistik von heute. Zu sehen sind 5 Auf­rufe aus Deutsch­land und Öster­reich, die insgesamt von keinem Besucher nicht aufge­rufen wurden. Sollte ich jetzt einen Abend­schul­kurs in Statistik oder doch lieber in Logik belegen? 🤔

Toleranz

»Kramp-Karrenbauer äußert sich besorgt über rechte Tendenzen«, ist seit längerem aus den Medien zu hören: »Bundes­vertei­digungs­mini­sterin Kramp-Kar­ren­bauer hat sich […] tief besorgt über rechts­radikale Tendenzen in den deutschen Sicher­heits­organen gezeigt. […] Wenn [… Personen], die er­kenn­bar rechts­extre­mistisch sind und gegen die Verfassung kämpfen, dann ge­fähr­det das laut Kramp-Kar­ren­bauer die Stabi­lität der gesamten Demo­kratie« (Quelle: BR24).
Fragen: Muß eine Demo­kratie, sofern sie diesen Namen verdient hat und nicht nur als hohle Wort­hülse trägt, nicht auch so tole­rant sein, poli­ti­sche Meinungen ertragen zu können und auch zu wollen, die vom Main­stream abweichen? Ist es nicht ein Zeichen von Diktatur, alle ab­weichen­den Ansichten unter ein einheit­liches Denk­schema (nämlich das der ver­meint­lichen Mehr­heit, das aber in Wirk­lich­keit von den Mario­netten der Obrig­keits­kaste dominiert ist) zu zwingen?
Freilich sind bei Verstößen gegen das Grund­gesetz oder bei anderen justiti­ablen Ver­feh­lungen die Mittel des Staats­appa­rates ein­zuset­zen und an­zuwen­den. Dieser Auftrag ist Bestand­teil der reprä­senta­tiven Demo­kratie. Aber er ist kein Frei­brief für eine Gedan­ken­dik­tatur! Oder in Kurz­fassung: Aufklärung und poli­tischer Dialog sind ok, Vor­ver­urtei­lung aufgrund von poli­tischer Grenz­ziehung ist es nicht.

Wahnsinn

Wer kennt sie nicht, die ein­stein­sche Behaup­tung¹: »Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergeb­nisse zu erwarten«? Aller­dings dürfte ceteris paribus aber auch kein allzu großer Abstand vom Wahn­sinn vorliegen, wenn unter praktisch unver­änderten (also gleichen!) Bedin­gungen ein Para­digmen­wechsel durch­gepaukt wird.
Stichwort: Corona-Maßnahmen. Nach der Komplett­paralyse² des gesamten Wirtschafts- und Sozial­gefüges wurden von Seiten der Obrig­keits­kaste vorsichtig tastende Locke­rungs­schritte unter­nommen; immer unter der Maßgabe, sie sofort zurück­nehmen zu müssen, wenn sie die viro­lo­gische Lage ver­schlech­tern würden – eine sinnvolle Strategie. Doch seit Tagen über­schlagen sich die Locke­rungs­maß­nahmen, obwohl ein Corona-Hotspot nach dem anderen aufflammt.
Was ist passiert? Fürchten die Mario­netten der Obrig­keits­kaste (vulgo: die Poli­tiker), daß der Druck im Kessel zu einer immensen Explo­sions­gefahr ange­schwollen ist, der sie mit einem großen Knall wegfegen könnte? Dann doch lieber Zuge­ständ­nisse, die diametral zu allem bisher Gesagten stehen, um das gemeine Stimm­vieh bei Laune zu halten? Vor etwa 200 Jah­ren sagte Friedrich v. Müller: »Vom Wahn­sinn gab Goethe die einfache Defi­nition, daß er darin bestehe, wenn man von der wahren Beschaf­fen­heit der Gegen­stände und Ver­hält­nisse, mit denen man es zu tun habe, weder Kenntnis habe noch nehmen wolle, diese Beschaf­fen­heit hart­näckig igno­riere«³, was mögli­cher­weise die bessere Alter­native zur ein­stein­schen Behauptung ist.

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1) Da dürfte dem Meister der (unzu­lässigen?) Ontolo­gisierung (siehe ART) ein ganz großer Wurf gelungen sein. Ist es denn überhaupt – panta rhei – möglich, zweimal das Gleiche zu tun? Zumindest dürfte es sehr schwer­fallen, zweimal in den gleichen Fluß zu steigen.
2) Ob die praktizierte Radikalität wirklich erfor­derlich war, steht auf einem anderen Blatt. Sie entsprang offenbar aus dem ängst­lichen Versuch, nur ja nicht – koste es, was es wolle, und seien es auch Menschen­leben – von einer Infek­tions­welle über­rollt zu werden.
3) Quelle: https://beruhmte-zitate

Erfolg

Was mich brennend inter­essiert, ist, welchen Einfluß die mit großem Tamtam unters Volk gestreute Covid19-Warn‑App ganz konkret, also auf seriöse Weise stati­stisch relevant ermittelt, auf den Verlauf der aktuellen Epidemie hat. Das iNet hält sich im Moment noch bedeckt, was bei den momentan geschätzten Inku­bations­zeiten (noch) nicht verwun­derlich ist. Aller­dings müßte es – bereits jetzt! – eine reprä­senta­tive Kontroll­gruppe geben. Was weiß denn eine der Such­maschinen zu diesem Thema?Die obere Ergebnis­liste resultiert im wesent­lichen aus Propa­ganda­texten, die im Zusam­menhang mit der Vertei­lungs­kam­pagne der Warn‑App stehen, wobei sich die Texte etwa die Waage halten, die zum einen stolz über das erfolg­reiche Roll-out berichten und die zum anderen Zwang aufbauen sollen gegen­über den Verwei­gerern der voll­kommen frei­willig nutz­baren App. 😒
Da knapp 30‑tau­send Artikel nicht so recht komfor­tabel zum eingangs skizzierten Thema zu durch­forsten sind, habe ich in einem zweiten Versuch die Abfrage ein wenig einge­schränkt (unterer Teil der Abb.). Es würde mich schon ein bißchen wundern, wenn das obligate stati­stische Material nach der aktuellen Funk­stille urplötzlich aus ergie­bigen Quellen zu sprudeln begänne.
Honni soit qui mal y pense.

Qualitätssprung

So um das Jahr 1930 herum schrieb Robert Musil in seinem Roman Der Mann ohne Eigen­schaften folgende Sätze: »Unge­mein viele Menschen fühlen sich heute in bedau­erlichem Gegensatz stehen zu ungemein viel anderen Menschen. Es ist ein Grundzug der Kultur, daß der Mensch dem außer­halb seines eigenen Kreises lebenden Menschen aufs tiefste mißtraut, also daß nicht nur ein Germane einen Juden, sondern auch ein Fuß­ball­spieler einen Klavier­spieler für ein unbe­greif­liches und minder­wertiges Wesen hält« (Quelle: Der Mann ohne Eigen­schaften, Band I, Lizenz­ausgabe des Verlages Volk und Welt, Berlin 1980).
Rund neunzig Jahre später ist das alles freilich ganz anders, wie allein schon ein kurzer Blick in die Medien es hin­läng­lich illu­striert. Da frage ich mich aller­dings, wer, wann, welchen Schalter umgelegt hat, um die anthro­polo­gisch neue Menschen­güte einzu­schalten.