Scheidung

Aufzugeben ist tabuisiert, allemal in einer Erfolgs­gesell­schaft, wie sie heut­zu­tage als ulti­matives Lebens­ideal propa­giert wird. Doch wo liegt die Grenze zwischen Beharr­lich­keit und geist­loser Sturheit? Ist eine Stuben­fliege, die immer und immer wieder mit dem Kopf an die gleiche Stelle der Fenster­scheibe knallt, lobens­wert beharr­lich oder eher zum Umdenken außer­stande?
In dem Blog, das ich vor Jahren einmal jahre­lang akribisch geführt habe, schrieb ich dereinst in einem Artikel, daß ich ethisch-moralische Ansprüche an einen poten­tiellen Arbeit­geber geltend mache. Das klingt zuge­gebener­maßen verwegen, schließ­lich hat ein poten­tieller Arbeit­nehmer froh und vor allem dankbar zu sein, seine Arbeits­kraft verkaufen zu dürfen(!). Doch nach dem, was ich mittler­weile ein paar Wochen lang über das erfahren durfte, was hinter den Kulissen des Einsatz­ortes lauert, zu dem mich die Zeit­arbeits­firma aktuell beordert hat, sind Strategien wie „Augen zu und durch”, „Zähne zusam­men­beißen” oder auch „Es wird schon…” keine tolerier­baren Alter­nativen. Sie wären zwar Ausdruck höchster Beharr­lichkeit, haben aber gegen das Resultat eines kurzen und intensiven Nach­denkens keinen Bestand.
Die noch junge Arbeit­geber-Arbeit­nehmer-Beziehung aufzu­geben ist die beste Alternative…

gleichdeutig

Ist denn eine aus Bronze oder einem anderen Material verfertigte Skulptur etwas anderes als ein Gedicht? Beides sind Abbilder. Beide sind der Ästhetik verpflichtet (auch wenn diese manchmal vom Zorn oder was auch immer des Bildners überdeckt ist). Bei beiden steht der mentale Nutzen höher als der materielle. Und beide setzen zu allererst auf Ambiguität der Ausdeutung…

Giftlisten

Nicht erst, seit der Goldfasan – der immer wieder von sich aus Indizien liefert, die sich beim besten Willen kaum anders inter­pre­tieren lassen, als daß ein schweres mentales und vor allem soziales Handicap vorliegen könnte – einen heiligen Krieg gegen Falsch­meldungen bzw. das, was er ex cathedra als fake news erklärt, führt (vgl. hier), stellt sich die Frage, ob Politiker und (Meinungs)-Dikta­toren nicht a priori ohne Inhalts­prüfung publi­zieren können sollten. So würden sie zumindest der all­fälligen Negativ-Indi­zierung entgehen. Was zählt eigentlich mehr, die Autorität oder eine beliebig will­kür­liche Etiket­tierung? Und wenn die Fragerei schon losgeht, gibt es durchaus noch deut­lich mehr Klärungs­bedarf.
Wer entscheidet in den sozialen Medien, ob und in welcher Aus­prägungs­stärke bestimmte Merkmale einzelner Elemente einer „Gift”-Liste erfüllt sind? Wer legt fest, welche Elemente (Falsch­meldung, Gewaltaufruf, Haßtirade etc.) einer „Gift”-Liste zuge­ordnet sein müssen? Wer verant­wortet das Etablieren von „Gift”-Listen nicht nur als passiven(!) Informa­tions­speicher, sondern als gezielt einge­setztes Mittel der Mani­pulation?

Ist der Einsatz von „Gift”-Listen als ultima ratio nicht letztlich die Bankrotterklärung für das aktuell praktizierte moralisch-ethische Konzept einer Gesellschaft?

verteufelt

Ein Wort per se kann nicht falsch sein. Es kommt auf den Kontext an, in dem es verwendet wird. Wenn es allerdings einen heißen Favoriten für ein Wort geben sollte, das in prak­tisch jedem Kontext mangel­haft ist, so dürfte es das Wort Verschwö­rungs­theorie sein.
Man sollte ganz gelassen davon ausgehen, daß die Komponente ‘Theorie’ in der Mehrheit der Fälle besser nicht verwendet werden sollte, sondern treffender ‘Vermutung’ oder ‘Behauptung’. Die beiden letzt­ge­nannten Begriffe unter­scheiden nicht etwa nur aus stili­stischer Sicht. Während eine Behauptung inhaltlich völlig willkürlich sein kann, liegen einer Vermutung Annahmen zugrunde (wenn A1, A2 … An, dann …). Beiden Behaup­tungs­typen ist gemein, daß sie auf allge­mein­gültigen Begriff­lich­keiten aufsetzen¹.
Gänzlich anders kommt die Theorie daher. Sie funktioniert nur in einem Set von anderen bewiesenen oder zumindest prinzipiell beweis­baren – falls die Zeit des Beweises noch nicht gekommen ist, aber ihrer­seits beweis­bar(!) kommen muß – Begriffen, Kategorien und Regeln zwischen diesen. Eine Theorie basiert auf einem logisch konsi­stenten Grund­gerüst, das seine Legiti­mation einzig aus der Beweis­barkeit bezieht.
Kurz: Was gegenwärtig landläufig so als Verschwö­rungs­theorie tituliert wird, ist besten­falls Vermutung, aber niemals eine Theorie.

Zur Zeit ist ein Büchlein hoch im Schwange, in dem ein – per acclamationem – Guru das gesell­schaft­liche Wesen von Verschwö­rungs­theorien mit bedeu­tungs­vollem Augen­aufschlag offenbart². Dieses Buch ist für meinen(!) Geschmack so grottig, daß ich es nach dem Durch­arbeiten mitsamt den Hunderten von Rand­glossen entsorgt habe. Als Sonder­müll, versteht sich, da es selbst als Recycling-Papier eine Zumutung für die Öffent­lichkeit wäre.

Im übrigen findet aktuell eine inter­essante Begriffs­verschiebung statt. Die Obrig­keits­kaste bemüht sich derzeit sehr intensiv um die Umbenennung als Ver­schwörungs­mythos. Damit soll vom Fleck weg klar­werden, daß alle diese Vermu­tungen spinnert und komplett aus der Luft gegriffen sind. Denn eines darf – bei Strafe ewiger Knechtung – niemals vergessen werden: Die Obrig­keits­kaste verwendet immer Feind­bild‑Kli­schees, um zu mani­pulieren und um sich um die Offen­legung klarer, nach­voll­zieh­barer Zusam­men­hänge zu drücken.

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¹) Das Aussprechen der Vermutung: „In einer Stunde wird es regnen.” unterstellt, daß der Adressat weiß, was Regen oder was eine Stunde ist. Dabei kommt es überhaupt nicht auf die wissenschaftliche Bedeutung der verwendeten Begriffe an. Sie werden verwendet, ohne ihre Definition zu hinterfragen. Es ist beispielsweise nicht von Bedeutung, daß eine  Stunde das 3600‑fache einer Sekunde gemäß SI‑Konzept ist.
²) »Nichts ist, wie es scheint«, ISBN: 978‑3-518‑07360‑5